Heinz aber sah unterdessen nach einem hageren Menschen, der vor ihnen hertaumelte, manchmal stehn blieb, sich an die Stirn griff, umherschaute, weitertorkelte und endlich hinfiel. Im Nu war eine johlende Menge um ihn. Heinz aber sagte ganz aufgeregt zu den Freunden: „Schaut euch die Augen an! So blickt kein Betrunkener!“, lief hin und beugte sich über den Gefallenen. Die Umstehenden lachten und spotteten: „Seht den Lumpen! Schon am hellen Vormittag hat er einen Rausch!“

„Nein!“ sagte Heinz laut und hart. „Der hat keinen Rausch, der hat Hunger! Und da lacht ihr und spottet noch!“

Und er faßte den Liegenden: „Komm, mein lieber Bruder!“ und half ihm auf die Füße. Sie nahmen ihn in die Mitte, stützten ihn sorgsam und führten ihn aus dem Gedränge. Vor einem gut bürgerlichen Gasthaus machte Wart halt.

„Heinz, das ist ein Unsinn!“ sagte Hellwig und suchte ihn zurückzuhalten. Doch der wehrte sanft ab: „Laß mich nur, Fritz, ich bin dem Menschentum Genugtuung schuldig in diesem hier!“ Und er öffnete die Tür.

An den runden Tischen saß ein zahlreiches Publikum beim Frühschoppen. Alle Augen richteten sich auf die Ankömmlinge. Es war aber auch ein ungewöhnlicher Aufzug. Heinz im englischen Überzieher, den rassigen Kopf mit den langen schwarzen Haaren hoch aufgereckt, Karus, wie immer, mit zerknittertem Hemd und tranigen Stiefeln, zwischen beiden der dürre Mensch, von oben bis unten mit Straßenkot besudelt, endlich der breitschultrige Hellwig mit Radmantel und Schlapphut. Der Oberkellner kam gelaufen und fragte, ob sich die Herrschaften nicht geirrt hätten. Die Schenkstube sei rückwärts im Hof. Da sagte Heinz: „Nein, wir haben uns nicht geirrt, aber Sie scheinen sich in uns zu irren. Dieser schmutzige Mensch hier ist mein Bruder. Die Speisekarte, bitte!“

„Bitte sehr, bitte gleich!“ antwortete der Befrackte und wußte nicht recht, wie er sich verhalten sollte. Wart und Hellwig kannte er. Aber die zwei andern schienen doch nicht so ganz in das feine Lokal zu passen. Da jedoch die andern Gäste nicht beleidigt taten, glaubte er es wagen zu können und winkte dem Speisenträger. Heinz bestellte Fasan mit Trüffeln und Moselwein. Das imponierte. Die Gäste aber hielten ihn und Fritz für zwei reiche Müßiggänger, Hetzbrüder oder Hausherrnsöhnchen, die nach einer durchzechten Nacht einen Ulk ausführten. Deshalb lächelten sie gönnerhaft oder blinzelten nachsichtig und wohlwollend zu ihnen hinüber.

„Seht sie euch an!“ sagte Karus halblaut. „Seht doch, wie sie dasitzen, die Herren Hofräte und Hausbesitzer und Großkaufleute! Und wie sie nicht zu begreifen vermögen, daß jemandem so eine Tat Bedürfnis sein kann. Oh, wie gut sie unsern Heinz zu verstehen glauben. Wie gut sie wissen, daß er, auch nicht anders als sie in ihrer Jugend, aus Langweile und Übermut mit der Armut seinen Spaß treibt! Wie sie das verstehen, entschuldigen, verzeihen! Wüßten sie, daß es ihm ernst damit ist, sie ließen uns alle vier hinauswerfen!“

Unterdessen brachte man auf einer silbernen Platte den Fasan, goldbraun gebraten und würzig duftend. Und der hungrige Mensch griff gierig nach einem Schenkel, aß und sprach, nachdem er alles gegessen: „Mich hungert, gebt mir Wurst!“ Den Wein aber schob er weit von sich: „Ich trink’ nur Bier!“

Die Gäste sahen das, lächelten und dachten sich: „So ein Esel!“

Heinz aber stand auf: „Komm, mein lieber Bruder!“