„Heute vielleicht noch. Unsere Enkel werden wieder anders sprechen. Von Kindsbeinen wird uns gelehrt: Du sollst nicht töten! Und niemand lehrt uns auch jenes zweite, Größere: Du sollst nicht töten lassen! — Aber die Zeit wird kommen, und die Menschen reif werden auch für dieses Gebot. Dann wird wieder einmal Tugend werden, was heute noch Verbrechen ist. Und Heinz und die vielen, die wie er gestorben sind, werden Märtyrer und Blutzeugen heißen. Und darum glaub’ ich auch jetzt nicht mehr, daß sein Sterben nutzlos gewesen ist. Sein Gedanke lebt weiter, und seine Rächer sind nicht fern. Vielleicht werden es schon jene sein, die Brot von dem Korn gegessen haben, das aus seinem Grab gewachsen ist. Und die werden vollenden, was er angestrebt hat: Ein heiles gesundes Volk wird aufstehn, das vor niemandem den Nacken beugt, das sich selbst bestimmt durch seinen eigenen Geist, herrscherlos und herrenlos, ein Volk von lauter Königen und Herrschern! Dafür hat er gelebt — das goldene Herz der Menschheit hat er finden wollen — und dafür ist er in den Tod gegangen. Das ist kein schimpfliches Sterben.“
Der Kaufmann erwiderte nicht. Die Abendglocken läuteten. Wie ein schlafsuchendes Kind schmiegte sich die Erde in den Arm der Nacht.
Als Wart vor seinem Hause stand, reichte er Hellwig die Hand. „Fritz!“ sagte er weich. „Wir wollen’s beschlafen, Fritz!“
5.
Peter Kofend gewann seine Wette. Trotzdem er um zehn Jahre jünger und der Jahnsattler so gebrechlich war. Eines Tages kam er mit trüben Augen und hochroten Wangen von einem Geschäftsgang nach Haus. „Aus is! Gar is! Ich leg’ mich hin und steh’ nimmer auf!“ sagte er zu seiner Frau. Und während die Erschrockene in die Küche lief, um einen Tausendguldenkrauttee zu kochen, der ihr immer gut tat, legte sich der Peter ins Bett und — stand wirklich nicht mehr auf. Er klagte nicht, redete nichts, fühlte sich nur müd. Der Arzt sprach von einer allgemeinen Schwäche, von Schonung und Ruhe und ähnlichen Dingen, die er immer sagte, wenn er aus einem Fall nicht klug wurde. Die Frau Kofend aber wußte am zweiten Tag ebenfalls, daß ihr Mann recht behalten werde. Da hatte ihre schwarze Henne zu krähen versucht. Und trotzdem der Unheilsansagerin sofort der Kragen umgedreht wurde — eine Henne, eine schwarze Henne, die krähte — das bedeutete einen sicheren Todesfall.
Vier Tage später erhielt der Jahnsattler wirklich die schwarz umränderte Todesanzeige und vergoß darüber Tränen eines aufrichtigen Kummers. Er weinte aber nicht über den Gestorbenen, er weinte um das schöne Geld fürs Leichenbier. Er bezahlte es auch. Aber dann ging er zu Fritz Hellwig und fragte ihn, wie er es anfangen müsse, um ein Sozialist zu werden. Denn er fühlte sich gekränkt und verletzt, weil ihm alle seine Frömmigkeit nichts genützt hatte im Wettkampf mit dem ruchlosen Peter. Deswegen wollte auch er jetzt vom Beten nichts mehr wissen. Fritz aber konnte seinen Nöten weder mit Rat noch Beistand dienen. Doch der Alte wich nicht. Starrköpfig beharrte er bei seinem Verlangen, und Hellwig, der den höllischen Humor der Sache erfaßte, schlug ihm endlich vor, wenn er schon unbedingt nicht anders wolle, so möge er ihm, dem abgestraften Sozialistenführer, dem allbekannt Glaubenlosen, ein Zimmer in seinem Hause vermieten. Denn er brauchte wieder eins, da die Frau Kofend in ihr Heimatsdorf übersiedelte. Das gefiel dem Jahnsattler alsogleich, weil er damit vor aller Welt seine neue Gesinnung beweisen und, wie er meinte, den Sachwaltern Gottes auf Erden, ja seinem lieben Herrgott selbst einen Tort antun würde. Und die ganze Stadt bedauerte abermals den armen, gebrechlichen alten Jahnsattler, weil er in der Hilflosigkeit des Alters dem Versucher ins Garn gegangen war. Und die ganze Stadt entrüstete sich abermals über Hellwig, weil er die kindische Torheit des Greises so mißbrauchte. Weitere Folgen hatte die Geschichte aber nicht. Der Jahnsattler sorgte, nachdem der erste Schmerz über das verspielte Geld vorüber war, nach wie vor dafür, daß die Hornhaut auf seinen Knien nicht verschwand, und Hellwig kam in der Wohnung des frommen Mannes mit seiner Arbeit rüstig vorwärts. Er hatte jetzt endlich ganz freie Bahn vor sich.
Wart Nikl war fast vom Abend zum Morgen wieder ins Gleis gekommen, hatte seine Tatkraft und gute Laune wiedergefunden. Nicht so sehr durch Hellwigs Argumente, sondern weil die Aussprache überhaupt beschleunigt hatte, was früher oder später doch hätte eintreten müssen. Was lang verstaut gewesen, hatte Luft bekommen, strömte in gedoppelter Fülle vor, war so überreich, daß er nicht wußte, wo er zuerst mit der Arbeit anfangen sollte. Den Neubergern zum Trotz wollte er sein Geschäft nicht nur auf die frühere, sondern auf eine noch ansehnlichere Höhe bringen. Wozu brauchte er den Kleinverschleiß? Kurz entschlossen ging er her und legte den Schwerpunkt des Unternehmens in den Großhandel mit Farbwaren und Lacken. Er nahm Vertreter und einen Reisenden auf, reiste auch selbst, und rascher, als er gehofft, war die Sache im Gang.
So arbeiteten der künftige Schwiegervater und Schwiegersohn, jeder auf einem anderen Gebiete, aber beide mit dem Einsatz ihrer ganzen Kraft. Und das Jahr war noch nicht vorüber, da hatte Fritz sein Buch vollendet.
Als er den Schlußpunkt machte, war sein Inneres wie ein ausgeschöpfter Brunnen. Restlos hatte er alles hergegeben, was er hergeben konnte. Fast leid war ihm, daß er das Drängen und Gären in sich nicht mehr spürte. Und mit leisem Bedauern, als nehme er von einem lieben Freunde Abschied, packte er das Manuskript zusammen, um es einem Verleger zuzusenden.
In den folgenden Tagen machte sich eine tiefe Abspannung, die bis zur schweren körperlichen Müdigkeit anstieg, bei ihm geltend. Doch gab er diesem Zustand nicht lässig nach, sondern versuchte durch reichlichere Bewegung in freier Luft ihm entgegenzuwirken. Er unternahm starke Märsche in die Umgebung, und einmal gelangte er auch in den Geburtsort Pichlers.