Der Küster war seit Jahren tot, die Kinder in den Dörfern im Dienst oder verheiratet. Nur Christoph, der ältere von den einstmaligen Rutenbindern, befand sich noch im Ort, war hier Gemeindediener, Polizist, Nachtwächter, Bettelvogt, Flurhüter, Fleischbeschauer und Barbier in einer Person. Er hatte sich einen struppigen Schnauzbart, eine rote Nase und die für seine vielen Ämter unentbehrliche Würde zugelegt, welch letztere ihn auch dann nicht verließ, wenn seine Ordnungsversuche bei einer Wirtshausrauferei mit seinem eigenen Hinauswurf endeten. Er erzählte Hellwig, daß Otto für die Geschwister so gut wie verschollen sei und sich auch nach dem Tod des Vaters nicht um sie gekümmert habe. Doch sei es, trotzdem dann für die noch unversorgten jüngeren Kinder schwere Zeiten gekommen, auch ohne ihn gegangen. Sie hätten eben fest zusammengehalten und den ältesten Bruder nicht dazu gebraucht. Jetzt seien sie so ziemlich aus dem Wasser, viel zum Beißen habe zwar keiner, aber sie seien zufrieden, wie’s der Vater ebenfalls gewesen, und hätten sich schon an den Gedanken gewöhnt, daß sie für den vornehmen Herrn Bruder nicht mehr auf der Welt seien und er nicht für sie.

Hier unterbrach er plötzlich den Redefluß und eilte mit langen Schritten schimpfend einigen Dorfbuben nach, die mit verdächtig dicken Taschen aus dem Hühnerhof des Pfarrers schlichen.

Fritz machte sich auf den Heimweg. Was er eben von Otto gehört, kam ihm so selbstverständlich vor! Das Leichte und Spielerische im Wesen des Freundes war ihm, je älter und reifer er wurde, desto weniger verborgen geblieben. Aber trotz der Enttäuschungen, die ihm der einstige Freund bereitet hatte, hielt er ihn nicht für schlecht und fand es nur verwunderlich, wie der leichtlebige und sorglose Mensch so lang an seiner Seite hatte aushalten können.

Langsam schritt er weiter. Die ersten Sterne blitzten auf. Und da fiel ihm ein, daß er fast denselben Weg ging, den er einmal vor Jahren in Winterschnee und Kälte gegangen, um ein Geschenk für seine Braut in einer Fanggrube zu finden. Und er sann seinem Leben nach und staunte, wie doch alles so zufällig an ihn herangekommen war und ihn mitgerissen hatte, fast ohne sein Dazutun. Und während er alles überdachte — einsam war es um ihn, ein paar Fledermäuse fuhren hastig durch die unbewegte Luft, irgendwo schrie jämmerlich ein Vogel unter den Zähnen eines Raubtiers — da stieg wie eine Vision ein Bild vor ihm auf, von dem er zeit seines Lebens nicht mehr ganz loskommen konnte. Es war ihm, als sei alles, was Leben in sich hat, vor ungezählte Millionen überlasteter Karren gespannt und müsse sie, gleich den Pferden vor schweren Fuhren, mit bebenden Flanken und keuchenden Lungen über eine steile Bergstraße hinaufziehen, die schnurgerade ansteigt, höher und höher, in die weite Unendlichkeit hinein, wie ein Band ohne Ende. Und über allen den zitternden, mühselig hinkriechenden Geschöpfen thront riesengroß aufragend, gelassen vor sich blickend, mit unbewegten Zügen ein gewaltiges Weib und hält in der Rechten eine schwere Peitsche. Und jedesmal, wenn irgendwo ein Karren stecken bleiben will, knallt diese Peitsche, saust ihre geflochtene Schnur hoch über gekrümmte Nacken hin, und die geplagten Geschöpfe zucken zusammen, ducken sich furchtsam und ziehen weiter, ziehen mit zum Platzen gestrafften Muskeln, fliegendem Atem, verlöschender Kraft, ziehen — ziehen. — Und wenn eins leblos hinsinkt, schreiten die andern, rollen die Karren gleichgültig über den Leichnam fort. Und immerzu rollen die Karren, Millionen hinter Millionen, die unabsehbare, schnurgerade Straße hinauf, und unablässig knallt über ihnen die Peitsche.

6.

Fast ein Jahr war es her, seit Pichler im Abgeordnetenhause seine letzte Rede gehalten hatte. Da forderten seine Wähler Rechenschaft und Rechtfertigung von ihm, und so kam er endlich wieder einmal in seinen Wahlkreis.

Gemurr empfing ihn, als er den Saal betrat, und finster sahen die Versammelten auf ihn. Er aber stieg auf die Rednerbühne, wie gewöhnlich mit einem liebenswürdigen Lächeln um die Lippen. Doch da reckten sich ihm Fäuste entgegen, und ein gewaltiger Lärm erhob sich.

„Nicht reden! Demingkreatur! Mandat niederlegen! Ausbeuterknecht!“ rief und schrie und johlte es durcheinander. Er verfärbte sich und fühlte etwas wie Furcht. Aber noch immer lächelte er, und dieses Lächeln schien in seinem schönen Gesicht förmlich eingefroren zu sein. Als jedoch der Spektakel gar nicht aufhören wollte, wurde er wütend. Was? Diese Kerle, die tief unter ihm standen, wagten zu drohen? Statt dankbar zu sein, daß er sich überhaupt mit ihnen abgab? Heiser schrie er in den Saal hinab: „Wollt ihr endlich schweigen? Ich will reden! Hört ihr? Ich will!“

Die Antwort war Lachen und Getöse. Man trommelte auf Tische, pfiff, stampfte mit Füßen, schüttelte Fäuste und Biergläser. Da packte ihn ein jäher Zorn. Er griff nach der Glocke, die ihm zur Hand stand und schleuderte sie in die Menge. Sie traf niemanden. Aber jetzt stürmten sie und drängten auf das Podium, faßten ihren Abgeordneten bei den Schultern, schrien ungestüm auf ihn ein, rüttelten und zerrten, schoben und stießen und beförderten ihn ins Freie. Dort umringten sie ihn, und gewalttätiger Haß sprach aus ihren Gebärden, ihren Mienen und Worten. Die Einberufer mahnten zur Besonnenheit. Pfannschmidt nahm den übel Zugerichteten beim Arm und führte ihn aus dem Gedränge. Murrend und ungern wichen die Leute. Das Gesicht des Bergmannes war hart und finster. Man sah, daß er den einstigen Schriftleiter nicht aus Freundschaft beschützte. Pichler machte jetzt keine vorteilhafte Figur. Der Jähzorn war verraucht. Nun kam die Angst. Er schlotterte an allen Gliedern, die Knie knickten ihm ein, er stolperte nur so vorwärts und wäre gefallen, wenn ihn Pfannschmidt nicht gestützt hätte. Kragen und Halsbinde waren ihm herabgefetzt, der feine Anzug hatte Löcher.

Vor dem Gasthof ließ ihn Pfannschmidt stehen, wandte sich kurz ab und ging ohne Gruß. In fluchtartiger Eile reiste Otto nach Wien zurück.