Trotzig legte er sein Mandat nieder. Wenn er jedoch gehofft hatte, daß es ihm bei seinen ausgebreiteten Beziehungen gelingen werde, sofort eine andere Stellung zu bekommen, sah er sich arg enttäuscht. Alle Bekannten hatten nur ein bedauerndes Achselzucken: es sei dermalen nichts frei. Er war eben kompromittiert. Deming hätte vielleicht Rat gewußt. Aber an ihn wollte er sich nicht wenden. Er schämte sich vor Grete.

Um sich über Wasser zu halten, mußte er Stück für Stück seiner Habseligkeiten zum Trödler oder ins Leihhaus tragen. Dann borgte er sich Geld. Aber es dauerte nicht lang, waren ihm alle Quellen versiegt. Hungrig irrte er in der Großstadt herum. Seine Stiefel waren zerrissen, der Rock, den er am Leib trug, wurde schäbig, und er hatte keinen besseren mehr. In seiner Not schrieb er an Hellwig. Der wies ihn kalt ab. Es sei Pichlern, schrieb er zurück, von je zu gut gegangen und zu leicht gemacht worden. Er habe den Lebenskampf noch nie in seiner ganzen Rauheit empfunden. Jetzt aber könne er zeigen, was in ihm stecke. Durch eigene Kraft müsse er sich herausarbeiten. Unter dem Hammer der Not werde er Stahl werden, wenn er wirklich Eisen sei.

Drei Tage hielt Pichler dem Hunger stand. Dann war er am Ende seiner Widerstandskraft. Vor der Wohnung Demings wartete er und wußte es so einzurichten, daß er richtig von dem kaiserlichen Rat bemerkt wurde. Und der Millionär erkannte ihn sofort und trat auf ihn zu und sprach leutselig mit ihm. Er fragte, ob es dem Doktor denn gar so schlecht gehe und warum er sich nicht an ihn gewendet habe. Und zum Schluß drückte er dem Überraschten eine größere Banknote in die Hand, als Darlehen, wie er sagte, und verabschiedete sich huldreich.

Pichler stand da und schaute ihm nach und wußte nicht, ob er wachte oder träumte. Aber der blaue Schein zwischen seinen Fingern war greifbare Wirklichkeit. Da ging er und kaufte sich neue Wäsche und neue Schuhe, kleidete sich vom Kopf bis zu den Füßen neu. Und als er dann ein Bad genommen und Haar und Bart hatte zustutzen lassen, überkam ihn ein ungestümes Verlangen nach Wohlleben und Genießen. In einem Tingeltangel ließ er sich vorsetzen, was gut und teuer war, und am nächsten Vormittag erwachte er mit wüstem Kopf in der Wohnung einer Dirne.

Zwei Tage später, als das Geld alle war, folgte er der Aufforderung des kaiserlichen Rates, ging zu ihm und setzte ihm rundweg seine Lage auseinander. Deming hörte ihn wohlwollend an, mit schlecht verhehlter Freude. Und nach einer Einleitung, in welcher er beiläufig sagte, daß man begabten Menschen helfen müsse, daß es ihm selbst auch nicht immer gut gegangen und er auch einmal in ganz ähnlichen Verhältnissen stellenlos herumgelaufen sei, machte er dem Doktor den Vorschlag, als Beamter in die Fabrik einzutreten. Aber eines verlange er unbedingt: Pichler müsse sich von seinen Parteigenossen vollständig lossagen und die Politik links liegen lassen.

Das versprach Otto gern.

7.

In aller Stille hatten Fritz und Eva Hochzeit gehalten. Wieder entrüsteten sich die Gutgesinnten Neubergs, weil kein Priester dabei war, aber ihre Ungnade schadete den Betroffenen nichts. Wart Nikl blieb fröhlich und aufrecht, obwohl es jetzt recht einsam um ihn wurde und nur Frau Hedwig, still und tapfer den Trennungsschmerz verbergend, in den weiten Wohngemächern waltete, die kurz vorher noch Eva mit hellem Lachen erfüllt hatte. Jetzt war sie in der Hauptstadt, wo ihr Mann als Anerkennung und als Entschädigung für das Kerkerjahr die verantwortliche Leitung der Freien Blätter erhalten hatte, und nichts war von ihr zurückgeblieben, als ein paar eingerahmte Bilder an den Wänden und ein paar vergessene Bänder und Maschen in den Schrankfächern.

Kolben hatte den jungen Eheleuten den ersten Stock seines Familienhauses vermietet. Alle Zimmer ließ er neu tapezieren, die Parketten ausbessern, die Küche malen, und ins Badezimmer kam ein Gasofen. So war alles neu und schön und hell, ein funkelblankes Nest der Häuslichkeit und des jungen Eheglücks.

Und sie waren glücklich. Ein wackerer Kamerad, ging Eva vom ersten Tage an neben ihrem Manne, heiter, blühend, mit sonnigen Augen und verstehendem Herzen. Nicht eine Sekunde empfand er, daß mit ihr etwas Fremdes und bisher Ungewohntes in sein Leben gekommen. Selbstverständlich wie ihre Verlobung, war auch ihr Zusammenleben, schlicht, einfach und natürlich, ein Ehefrühling, wie er zur Zeit der Schneeschmelze und der ersten Weidenkätzchen ernst und keusch und mit frommer Weihe die Erde überkommt, wenn jeder Baum mit tausend Knospen betet und die unschuldigen Saaten sich im hellsten Sonnenglanz dem Mutterschoß der Scholle entringen. Nie war ein falscher Ton, ein gemachtes Empfinden zwischen ihnen. Sie gaben sich und nahmen einander, wie sie waren, ehrlich und herzlich schritten sie Seite an Seite, wußten, was sie aneinander hatten und brauchten es sich nicht erst zu sagen. Ein warmer Blick, ein Kuß war alles, was ihre vornehm zurückhaltenden Naturen an Zärtlichkeit zu verschwenden hatten. Und es genügte ihnen. Eva war fröhlichen, kindlichen Sinns und hatte nichts von dem tief bohrenden, grüblerischen Wesen ihres Mannes. Aber sie fühlte mit dem Herzen, wo ihr Geist nicht fassen konnte und hatte jene Einfalt des Gemütes, die das Echte herausspürt und das Erkünstelte zurückstößt, ohne für die Zuneigung hier und den Widerwillen dort einen Grund angeben zu können. So ergänzte sie ihren Gatten aufs beste und nahm in gleicher Weise von seinem Ernst wie er von ihrem Frohsinn an.