Nach den ersten Wochen besuchte Kolben das junge Paar fast täglich. Als Backfisch hatte Eva den unerschütterlich gelassenen Menschen nicht ausstehen können. Jetzt wurde er ihr bald sympathisch. Er war ihr überall behilflich, wußte vorteilhafte Einkaufsquellen anzugeben, wurde ihr Berater in allen den kleinen Sorgen des Haushalts, für die Fritz durchaus kein Verständnis aufbringen konnte. Ihm war es als Junggesellen ganz gleichgültig gewesen, ob ein Anzug hundert oder zweihundert Kronen kostete, wenn er nur halbwegs paßte. Und wenn er faltig wurde, gab er ihn einem Schneider zum Aufbügeln, und mochte dessen Forderung noch so unverschämt sein, er bezahlte sie und war deshalb ein geschätzter Kunde. Das wurde jetzt anders. Denn Eva war sparsam und verstand zu rechnen. Sie wollte niemanden übervorteilen, aber auch selbst nicht übervorteilt werden, ließ jedem genau das zukommen, was ihm gebührte, keinen Heller mehr noch weniger, und buchte Einnahmen und Ausgaben. Und wenn dann der Schuster für ein paar Stiefelsohlen drei Kronen fünfzig verlangte, sagte sie und zeigte es ihm schwarz auf weiß: „Vor vier Monaten hat das nur drei Kronen zehn gemacht, wenn Sie teurer werden wollen, kann ich bei Ihnen nicht mehr arbeiten lassen!“, worauf der Handwerker zwar von unerschwinglichen Lederpreisen und Teuerung zu reden anfing, gewöhnlich aber doch seine Forderung auf das frühere Maß einschränkte. So hatte sie ihre liebe Not und freute sich, daß Kolben da war, mit dem sie darüber reden und sich beraten konnte.

Fritz aber steckte wieder bis überm Hals in der Arbeit. Während der zweijährigen Unterbrechung war ihm manches fremd geworden, die Zusammenhänge mußten wieder gefunden, das Versäumte mußte nachgeholt werden. Dazu kam das Lesen der Bürstenabzüge seines zweibändigen Werkes, das demnächst erscheinen sollte. Und als es erschien, aus der Zeit heraus entstanden, sachlich und frei von einseitiger Parteilichkeit, als es von der Kritik mit lautem Beifall begrüßt wurde und fast alle Blätter ohne Unterschied günstige Besprechungen brachten, einige wohl auch im Überschwang den Anbruch einer neuen Epoche der Volkswirtschaftslehre verkündeten, als das alles eintrat, da kam Hellwig erst recht nicht zur Ruhe.

Sein Buch wurde rasch von der Mode den ‚allgemeinen Bildungsnotwendigkeiten‘ beigezählt. Wer in Zeitfragen mitreden wollte, mußte es gelesen haben. Man sprach überall davon, lud den Verfasser zu Teeabenden und Gesellschaften, die verschiedenen Vereine, Zirkel und Klube zur Verbreitung wirtschaftlicher Kenntnisse, Kultur, Wissenschaft oder Bildung forderten ihn zu Vorträgen auf, Zeitungen und Zeitschriften baten ihn um Beiträge.

Anfangs war ihm das lästig, später gewöhnte er sich daran. Von den Einladungen machte er keinen Gebrauch, Vorträge hielt er selten, Abhandlungen schrieb er nach wie vor über Dinge, die ihm ans Herz griffen, und niemals auf Bestellung.

Als sie merkten, daß er nicht mit ihnen heulen wollte, wurden sie kühler, setzten sein Buch von der Liste der Bildungsnotwendigkeiten wieder ab und ließen ihn in Ruhe.

In der Partei aber machte sich allmählich eine Strömung gegen ihn immer bemerkbarer. Erregt und in Bewegung gehalten wurde sie von dem ehrgeizigen Leibinger, der auf den Posten des verantwortlichen Schriftleiters gehofft hatte und sich nun von einem jüngeren verdrängt sah. Er war Mitglied der Parteileitung und hatte sich unentbehrlich zu machen verstanden durch eine Art widerlicher Zuvorkommenheit und händereibender Salbung, mit der er sich zu den unangenehmsten Aufgaben drängte. Niemand mochte den schmalbrüstigen Menschen so recht leiden, der mit eingeknickten Knien immer leise ging, aber man duldete und ertrug sein unsympathisches Wesen, weil er brauchbar war, erfinderisch und gleich gut geübt im jähen Überrumpeln, wie im langsamen Erdrosseln der Gegner.

Jetzt benützte er den Anlaß, fand heraus und sagte es heimlich allen, daß viele Ansichten und Grundsätze in dem gepriesenen Werke Hellwigs eigentlich dem Parteiprogramm zuwider liefen, ja manchmal geradezu der heutigen Gesellschaftsordnung ein Loblied sangen. Und er hatte mit diesen Behauptungen um so eher Erfolg, als der Parteiobmann Anheim und alle, die mit ihm der Leitung angehörten, überzeugte Anhänger der Marxschen Lehre und geschworene Feinde aller Revisionisten waren.

Offen wagte man sich vorerst freilich nicht an den verdienstvollen Mann heran. Aber zu fühlen bekam er es doch, daß man mit seinem Wirken nicht mehr ganz einverstanden war. Man schob ihn beiseite, wo es nur halbwegs anging, faßte Beschlüsse, ohne ihn um seine Ansicht zu fragen, und verschwieg ihm manches, was der verantwortliche Schriftleiter als erster hätte wissen müssen. Anfangs achtete er nicht darauf. Aber als es sich öfter wiederholte, als er sogar in seinem eigenen Blatt bloßgestellt wurde, fiel es ihm auf. Er wurde stutzig, führte Beschwerde, forschte nach dem Grund. Man gab ausweichende Antworten, entschuldigte sich wohl auch mit einem Versehen. Aber beim nächsten Anlaß machte man es ihm wieder so. Kolben wollte ihm die Augen öffnen. Fritz hörte nicht auf ihn. Er schrieb das geänderte Verhalten der Genossen einer flüchtigen Verstimmung zu und ließ sich die schöne Zuversicht nicht rauben, daß alles bald wieder seinen rechten Gang gehen werde.

8.

Da wurde der Reichsrat aufgelöst, weil er der Regierung nicht zu Willen war. Neuwahlen wurden angeordnet. Die nordböhmischen Bergarbeiter wandten sich an Hellwig, daß er in ihrem Wahlkreis kandidiere. Pflichtgemäß fragte er die Parteileitung um ihre Meinung. Die sagte weder ja noch nein, vertröstete ihn auf später.