Und nun begann der aufreibende Wahlkampf mit seiner rastlosen Agitation und den ungezählten Versammlungen in allen Bezirken. Und während Hellwig von Versammlung zu Versammlung fuhr, an einem Tage oft in drei, vier Sälen sprach, dabei die Freien Blätter leitete und, ein immer wacher Kämpfer, die Machenschaften der Gegner aufdeckte, durchquerte und vereitelte, waren in seiner eigenen Partei Leute an der Arbeit, die seine Stellung zu untergraben und seinen Einfluß zu brechen sich redlich bemühten. Er war ihnen zu bekannt, zu berühmt, zu volkstümlich geworden. Sie fürchteten, daß er ihnen über den Kopf wachsen, daß er sie verdrängen und die Führerschaft ganz an sich reißen könnte. Er dachte nicht daran. Ihm ging es um die Sache, die er für gut hielt und mit dem Einsatz aller Kräfte fördern wollte. Sie aber erwogen alle Möglichkeiten, bangten für ihre Ämtlein und fürchteten und beneideten und haßten ihn heimlich sehr. Die Massen jubelten ihm zu, ihre erkorenen Führer aber saßen in geheimen Konventikeln beisammen und rieten hin und meinten her, wie sie dem beliebten Mann Schlingen legen und ihn unauffällig zu Fall bringen könnten. Und wenige gab es unter diesen Ratern und Meinern, die frei und unparteiisch urteilten. Er hatte aber auch fast jeden schon einmal vor den Kopf gestoßen, weil er nie mit seiner Meinung hinterm Berg hielt, sondern sie immer klipp und klar und rücksichtslos heraussagte. Das trugen sie ihm nach und schmollten und grollten und nannten ihn grob, unduldsam, hochfahrend. Und sahen doch ruhig zu, wie er den Hauptteil der Wahlarbeit für sie tat. Mochte er sich plagen und abrackern, das kam der Partei zugute und im richtigen Augenblick wollten sie schon auf dem Posten sein.

Aber auch Kolben wachte und war sehr beschäftigt. Bedachtsam, ohne Übereilung, wie ein schlauer Kundschafter, sondierte er und horchte herum, und als er genug erfahren hatte, machte er sich auf und fuhr in das nordböhmische Kohlengebiet. Denn von dort kamen beunruhigende Nachrichten. Gerüchte von einem neuerlichen Streik waren in den letzten Jahren mehrmals laut geworden. Jetzt aber erhielten sie sich hartnäckig, nahmen bestimmtere Formen an und wollten nicht wieder verstummen.

Das Ziel seiner Reise verriet der Doktor nicht, er brauchte auch von niemandem Abschied oder Urlaub zu nehmen. Er war ganz unabhängig und hatte sich in der Leitung der Kunstnachrichten, die er den Freien Blättern ohne Entgelt besorgte, vollständige Freiheit ausbedungen. Nur Eva mußte es wissen, weil sie gewohnt war, ihn täglich zu sehen, mit ihm Einkäufe besorgte oder spazierenging. Er war ihr einziger Bekannter in der großen Stadt, und wenn sie ihn nicht gehabt hätte, wäre sie den größten Teil des Tages ganz einsam gewesen. Denn ihren Mann bekam sie jetzt fast gar nicht zu Gesicht, er kam spät nachts heim, müde und abgehetzt, aber mit der ersten Sonne war er schon wieder auf den Beinen, sah hastig die Morgenblätter durch und konnte das Frühstück kaum erwarten. Und wenn sie es brachte, aß er hastig und verabschiedete sich zerstreut und fahrig, lief manchmal auch, die bevorstehenden Arbeiten überdenkend, überhaupt ohne Gruß davon.

Sie fand sich auch damit ab, hoffte geduldig auf die Wiederkehr ruhigerer Zeiten und blieb heiter und zufrieden. Wenn sie mit den häuslichen Arbeiten fertig war, — viel zu tun gab es nicht, weil Fritz, um keine Zeit zu verlieren, jetzt auch das Mittagessen in der Stadt nahm —, spielte oder sang sie sich ein Lied, ging in den Garten, pflegte ihre fünf Rosenstämmlein, nähte oder lag lesend oder träumend in der Hängematte unter den dunklen Kastanienwipfeln und freute sich auf das Erscheinen Kolbens und auf das Ende ihrer Einsamkeit. Sogar übermütig konnte sie dann werden. Der Übermut lag ihr nun einmal im Blut und ließ sich auch von ihrer jungen Frauenwürde nicht unterkriegen. Um den Doktor zu necken, versteckte sie sich vor ihm ganz tief in die Fliederhecken oder in die dichten Jasminbüsche, daß auch nicht ein Zipfelchen ihres Kleides, kein Schimmerchen ihres Blondhaars sichtbar war. Zusammengekauert hockte sie in ihren grünen Schlupfwinkeln und rief „Herr Doktor!“ und wenn er sie nicht gleich fand, war sie froh wie ein Schulkind und lachte ausgelassen.

Als er ihr seine Abreise melden wollte, lag sie in der Hängematte. Sie erblickte ihn von weitem, wie er langsam, in seiner gemessenen Art, den gelben Kiesweg heranschritt, machte die Augen fest zu und stellte sich schlafend. Aber manchmal blinzelte sie doch blitzrasch zwischen kaum geöffneten Lidern nach ihm hin und sah, wie er näher kam und zauderte und stillstand, unschlüssig, ob er sie wecken sollte. Sie hielt sich ruhig, veränderte keine Miene und atmete gleichmäßig fort. Da wagte er es, tat vorsichtig einen Schritt vorwärts und noch einen. Jetzt fühlte sie, daß er ganz nahe sein mußte, hörte das Knistern seiner Kleider — und wie sie, zu fröhlichem Lachen bereit, die Lider voll aufschlug, da war sein ernstes Gesicht dicht über dem ihren — sie bemerkte ein paar winzige Puderstäubchen im bläulichen Anflug der eben erst rasierten Wangen — und von seinen Augen waren alle Schleier gefallen. Ein warmer Glanz war in ihnen und das innige Leuchten einer großen Liebe. Nur eine Sekunde war das so. Dann erlosch alles wieder, der Doktor stand in lässiger Haltung, wie immer, vor ihr und gleichmütig wie immer fragte er, ob er störe.

Sie aber war ganz aufgeregt, sprang aus dem Netzgeflecht und in der ersten Ratlosigkeit einer ihr neuen Erkenntnis sagte sie mit überquellendem Empfinden: „Sie armer Doktor!“

„Warum?“ antwortete er ihr in seinem gemütlichsten, freundschaftlichsten Ton. Doch sie dachte nur an das Geschaute, hatte erkannt, daß er ihretwegen litt, vielleicht seit Jahren leiden mußte, und um ihm nur irgend etwas Liebes zu tun, legte sie mit einem hindrängenden Schritt beide Hände auf seine Schulter. „Armer Doktor!“ sagte sie nochmals. Da wußte er, daß sie alles gesehen hatte, wurde ein klein wenig blässer und richtete sich straff auf. „Ich brauche Ihr Mitleid nicht, gnädige Frau!“ sagte er schroff.

Nun war sie ihrer Unüberlegtheit erst inne, errötete noch mehr, und die Tränen sprangen ihr hell von den Wimpern. „O Gott!“ rief sie bestürzt. „Hab’ ich Sie gekränkt? Das wollte ich nicht! Ich schätze Sie ja so! Ich kenne keinen Menschen nach Fritz, den ich lieber hätte! Sie dürfen mir nicht bös sein! Sie sind mir nicht böse, nicht wahr, nein?“

Kolben war schon wieder der Alte. „Sie sind ein rechtes Kind, Frau Eva!“ erwiderte er mit seinem spöttischen Lächeln. „Wie kann man nur am hellichten Tag so närrisch träumen! Lassen Sie’s gut sein, mir geht’s so kannibalisch wohl, daß ich jedem ein derart ausgezeichnetes Wohlbefinden wünschen kann. Ich bin Herr meiner Zeit, kann mir’s einrichten, wie ich will und Vergnügungsreisen machen, wann ich will. Was ich beispielsweise noch heute zu tun gedenke.“

„Sie wollen fort?“