„Jawohl, in drei Stunden geht mein Zug. Um Ihnen das mitzuteilen, bin ich eigentlich herunter gekommen. Mindestens vier Tage werde ich fortbleiben. Es ist mir erschrecklich leid, daß ich den Stoff zu Ihrem Herbstkleid nicht mit aussuchen kann. Denn wie ich die edle Weiblichkeit kenne, duldet so was keinen Aufschub.“
„Doktor!“ rief Eva zornig. „Sie sind heute abscheulich!“
Er verneigte sich leicht. „Das freut mich, Frau Eva, das freut mich sehr! Weil ich nunmehr ganz beruhigt abreisen kann, mit dem erhebenden Bewußtsein, daß meine verehrte Gönnerin froh sein wird, von meiner abscheulichen Gegenwart wenigstens auf kurze Zeit verschont zu bleiben.“
So sprach er und sprach noch manches in derselben Tonart, so daß Eva schließlich an sich selbst ganz irr wurde und nicht mehr wußte, ob sie in der schaukelnden Hängematte unter den dunklen Kastanienwipfeln nicht doch vielleicht geträumt und einen Traum für Wirklichkeit genommen hatte.
9.
Als Kolben sich zu seiner Reise entschlossen hatte, war Leibinger aus den Kohlendistrikten gerade wieder in die Hauptstadt zurückgekehrt. Tags darauf erschien eine Abordnung der Bergleute bei der Parteileitung. Sie erklärte, daß man zur sofortigen Arbeitseinstellung fest entschlossen sei und fragte an, ob man mit Unterstützungen aus der Streikkasse werde rechnen können. Fritz sprach sich entschieden gegen alles aus. Anheim, Leibinger und die übrigen aber brauchten Ausflüchte, wollten in Hellwigs Gegenwart nicht Farbe bekennen, und schließlich gab Leibinger den Leuten einen Wink, sie möchten später noch einmal vorsprechen. Und sie verstanden das und entfernten sich. Als sie fort waren, sprach Hellwig noch eine halbe Stunde lang sehr eindringlich über alle Hindernisse, die dem Streik gerade jetzt, knapp vor den Wahlen, im Wege standen. Man hörte ihn schweigend an, nickte manchmal oder schüttelte die Köpfe, wie er so seine Gründe an allen zehn Fingern herzählte, aber kein Wort fiel dafür oder dawider. Man müsse sich das noch reiflich überlegen, war schließlich alles, was Anheim mit Räuspern und Hüsteln vorbrachte. Dann mußte Hellwig in eine Wählerversammlung der Gegner und hinterher noch in zwei der eigenen Partei, und jetzt erst, als sie sich vor ihm sicher wußten, tauten Leibinger und Mark auf, wurden lebhaft und hatten mit den wieder erschienenen Bergleuten eine lange Besprechung.
Den übernächsten Tag kam Kolben am frühen Morgen zu Fritz, der noch in Hemdärmeln mit Kamm und Bürste hantierte. Der Doktor war die ganze Nacht gefahren und sah verstaubt und abgespannt aus.
„Was bringst du so zeitig, Albert?“ fragte Fritz ein wenig erstaunt.
„Nur meine Neugier!“ antwortete Kolben und ging ohne Umschweife auf sein Ziel los. „Ich hab’ nämlich gehört, daß der Streik beschlossene Sache sein soll.“
„Da hast du dich gründlich verhört!“ lachte Hellwig. „Im Gegenteil, es ist so gut wie sicher, daß jetzt nicht gestreikt wird.“