Doch Eva hielt ihm die Hand fest und sagte: „Was gibt’s da noch viel zu erzählen? Der Mann ist immer falsch gegangen, weil er ja doch verzaubert war. Und einmal, da ist er schon weit fortgewesen und hat sich gar nicht nach Haus finden können. Aber da ist ihm eingefallen, daß seine Frau mit dem Essen auf ihn wartet und daß sein Bub auf ihn wartet und eine Geschichte erzählt haben will. Und wie ihm das einfällt, da hat er sich umgedreht, und keinen einzigen falschen Schritt hat er mehr gemacht und ist nur immerzu geradeaus gelaufen und gelaufen, bis er richtig zu Haus war. Und so schnell ist er gelaufen, daß das Essen wirklich noch warm war und daß er auch noch eine Geschichte hat erzählen können. Und seit der Zeit ...“

Mehr konnte sie nicht sagen. Denn Fritz war aus seiner dunklen Nische in das helle Licht getreten, mit weit gebreiteten Armen — und seine Augen waren groß und leuchteten in ihren Tiefen, und die lieben zwei lehnten ihre Köpfe an seine atmende Brust, und so stand er in stummer Ergriffenheit und hatte sein Ziel erreicht und hatte sein Glück gefunden im goldenen Kreis des Lebens.

4.

In der Nacht, die diesem Erlebnis folgte, da lag er wach bis zum Morgen. Und während Eva neben ihm still atmete, fühlte er, wie Ring um Ring von seinem Herzen sprang, Stück um Stück der Eiswall brach, hinter dem es eingefroren nur müd gepocht hatte. Die Nacht flutete dunkel und gleichmütig vorüber. Ihm aber leuchteten die Augen groß und eines ernsten Glückes voll. Erlösung. Auferstehung. Weitab vom tosenden Jubel, vom wütenden Haß des Tages, im engsten Raum, zwischen seinen vier Pfählen, mit einer beglückenden Selbstverständlichkeit war diese Stunde gekommen und hatte ihn zum Hafen getragen, mühelos, wie eine Welle die Muschel auf den Strand spült. Und er konnte alle Segel einziehen und Anker werfen.

Und langsam und allmählich lernte Fritz Hellwig wieder lachen und wieder frei aufschauen. Und wenn er den Glauben an sich selbst verloren hatte, so fand er ihn allmählich und langsam wieder in dem Glauben an das Leben und in der Liebe der Seinen und zu den Seinen. Und alle Zärtlichkeit Evas und aller Jubel des Buben strömte in seine Seele, die ihre Tore weit offen hielt und machte ihn dankbar und fromm und glücklich wie ein unartiges Kind über unverdiente Weihnachtsgaben. Und jetzt bemerkte er auch die behutsame Zartheit, mit der Eva seine Stimmungen belauschte und wie sie sich mühte, ihn abzulenken, aufzuheitern und aus seiner Teilnahmslosigkeit zu wecken. Wie sie immer und immer wieder leis an sein Herz pochte und Einlaß heischte und die Geduld niemals verlor, wenn sie vergeblich warb, wenn er sie rauh zurückstieß und keinen Teil mehr haben wollte an aller Freude und Liebe. Und er zieh sich der Selbstsucht, weil er sich nur dem eigenen Schmerz überantwortet hatte und zu allem angerichteten Unheil, zu allen seinen Irrfahrten, die so viele bitter getäuscht und arm gemacht, noch und abermals ein Unrecht gehäuft und jener weh getan hatte, die ihm zunächst stand und ihn am liebsten hatte.

Schwere Schuld war zu sühnen und manches konnte überhaupt nicht ausgetilgt werden. Aber irgendwie gutmachen und aufwiegen ließ es sich, nur mußte er die Zeit nützen und seine Kräfte, statt sie in nutzloser Selbstbemitleidung zu vergeuden, frei machen für die Sühne.

Und langsam wurden sie frei.

Hatte er früher alles an sich vorbeigehen und gleichgültig zu Boden fallen lassen, so konnte er jetzt nicht genug tun und nicht genug finden, was Eva freuen und fröhlich machen sollte. Auf alle ihre Anregungen ging er ein, sprach mit ihr über die Tagesereignisse, und wenn sie auf ein besonders verwickeltes Thema gerieten und wenn Eva sich immer tiefer hinein verfitzte und hilflos hing wie ein Fisch im Netz, dann lachte er wohl und sagte, sie solle sich doch keine solche Mühe und seine Schuld nicht noch größer machen.

Sie erwiderte nicht auf solche Reden, blickte ihn nur strahlend aus innigen Augen an und auf ihrem Gesicht lag ein ganz heller Schein der Freude.

Bald hatte er nachgeholt, was er in den letzten Wochen versäumt, hatte er die Zusammenhänge wiedergewonnen und die Zeitungen blieben nicht mehr ungelesen neben dem Schreibtisch liegen. Und er las die maßlosen Ausfälle in den Blättern der Gegner, las die Verteidigungen und die Lobsprüche der Anständigen und ihm wurde dabei, als ob das alles irgendwo weit in der Ferne sich abgewickelt und er gar keinen Teil daran habe. Auch die Briefe Reinholts las er jetzt. Und da erfuhr er denn das Schicksal der Empörer.