Karus, Leibinger, Sanders und fünf andere waren tot, Mark im Gefängnis, die übrigen in alle Winde verstreut. Der Streik war zu Ende.
Fritz las das und wurde wieder sehr traurig. Aber es war nicht mehr die dumpfe Verzweiflung, der tatenlose Trübsinn von früher. Eine tiefe sanfte Wehmut war es, die ihn ganz läuterte und immer fester und unlösbarer mit seinen Lieben verknotete.
Den ganzen Tag war er jetzt mit dem Buben im Garten, lehrte ihn die Vögel nach dem Ruf, die Pflanzen und die Steine unterscheiden und wurde nicht müd, die zahllosen Fragen des aufgeweckten Kindes zu beantworten. Aber noch keinen Schritt hatte er seit seiner Rückkehr vor das Haus getan. Er schämte sich noch.
Und auch jetzt, als ihn Eva zu einem Spaziergang aufforderte, wollte er nichts davon wissen. Sie aber ließ nicht mehr locker, bat und drang in ihn und endlich gab er nach.
Zwischen den gartenumhegten Villen gingen sie, in stillen Gassen, die wie breite Alleen waren, von Bäumen flankiert und mit gelbem Kies bestreut. Und nur wenig Menschen waren zu sehen. Eva hängte sich fest an seinen Arm, war heiter, froh und herzlich und lachte und freute sich. Da vergaß er alles andere und fühlte nur ihre sonnige Nähe, blickte in ihre klaren Augen, die unter langen Wimpern hell und blank in die blanke und helle Welt hineinlachten und er wurde sicherer, ging aufrechter dahin und wenn ein Spaziergänger sie schärfer ansah, stehenblieb und ihnen nachschaute, empfand er nicht Unbehagen oder Befangenheit, sondern war stolz und freute sich über seine blühend junge schöne Frau.
Eine sachte Lehne hinauf gingen sie, bis die Häuser den Weinpflanzungen Platz machten und weiter oben eine freie Schau ins Land hinein sich auftat.
Unten lag die große, turm- und giebelreiche Stadt, ein dunkler Wall von schönen laubwaldumwachsenen Bergen mit weißen Schlössern und bewimpelten Warten und Aussichtstürmen schloß den Horizont ein und hoch und still weitete sich der Herbsthimmel darüber. Im Westen ging die Sonne schlafen, von Gipfel zu Gipfel den Gebirgskamm entlang lief ein zackiges Feuerband, und rings um das Himmelsrund, je weiter von der goldenen Lohe im Westen, je tiefer und satter, wogten und wehten und schwebten zarte, durchsichtige Schleier, purpurn und blau und violett, sanken von den Höhen ins Tal, breiteten sich aus und hüllten gleitend, wogend, weich und duftig die Türme, die Giebel und Dächer alle ein.
Eine lange Weile standen Fritz und Eva Schulter an Schulter und schauten stumm zu, wie die Sonne in Licht und farbenfroher Schönheit ertrank. Der runde Rücken des Hügels war fast baumlos. Lediglich vor einem zierlichen Kapellchen waren ein paar junge Linden im Halbkreis eingepflanzt und daneben war ein Friedhof mit blumigen Gräbern, schlichten schwarzen und weißen Steinen, Kreuzen und dürftigen dunklen Zypreßchen.
Sie öffneten die Lattentür, traten ein und gingen zwischen den Gräberreihen hin. Einsam war es hier und still und gar nicht traurig. Die Höhenluft spielte mit den welken Kränzen, wehte um die grünen Gräser, um die nickenden Blütenköpfchen und um die prunklosen Male auf den reinlichen Totenstätten. Und wo ein Kindergrab war, dort kniete ein gipserner Engel in einem sauber angestrichenen Gitterchen und betete. Und die blauen Berge winkten und grüßten noch von fern und die Lichter der Stadt leuchteten durch die duftigen Abendschleier gedämpft herauf, einzeln oder, wo ein Straßenzug ging, in feurigen Ketten. Traulich war das alles und anheimelnd, und Eva sagte versonnen:
„Hier möcht’ ich auch einmal liegen, du. Es ist so lieb hier.“