„Sprich nicht vom Sterben!“ bat Fritz.

„Warum?“ fragte sie und schaute ihn aus lebensfrohen Augen an. „Leben wir denn länger, wenn wir davon schweigen? Oder sind wir glücklicher? Ich glaube doch nicht, Fritz. Mir wenigstens, mir ist immer, als müßt’ ich mich schnell noch doppelt freuen über die Gegenwart, wenn ich denke, daß alles einmal vorübergeht. Und viel tiefer und stärker freue ich mich dann über das bißchen Glück, das wir haben. Und das haben wir, gelt, du?“

Sie schmiegte sich ganz dicht an ihn, legte die Wange auf seinen Arm.

„O — du!“ antwortete er und seine Stimme war rauh und brüchig. „Ob wir das haben! Unsere Stuben sind ja berstvoll davon — und alles durch dich! Alles, was darin schön und warm und hell ist, hast du hineingetragen und bereitet mit deinen Händen. Und was darin häßlich und kalt und dunkel ist — durch meine Schuld ist es dazugekommen. Drum sprich nicht vom Sterben! Ich mag nicht dran denken, du! Ich mag nicht denken, wie wenig Zeit mir noch bleibt, um — dir’s zu danken und dir’s zu lohnen — und abzuzahlen — und zu vergelten, so gut ich’s kann. — Ev, du Liebe, Gute, Gütige!“

Ein Schluchzen erstickte seine Worte. Noch nie hatte er so leidenschaftlich zu ihr gesprochen, ihr so ganz unverhüllt und rückhaltlos sein Innerstes offenbart. Ein seltenes, schweres Glücksempfinden flutete wie eine heiße Welle über die Frau und ließ sie zu tiefst erschauern.

Sie schwiegen. Lange, lange. Die Grabmale ragten ruhig in die halbhelle Dämmerung, schwarze Schatten stiegen über die Hügel. Ein Stern flammte auf und noch einer und wieder einer und lautlos schwebte die Nacht zu Tal. Und der Himmel wölbte sich hoch über ihren Häuptern und baute sich seltsam durchsichtig in einem ganz satten, ganz dunklen Blau über alle die funkelnden Sterne hinaus höher und höher in die weite, leuchtende Unendlichkeit empor.

5.

Jetzt ließ sich auch Doktor Kolben wieder öfter blicken, der sich in der letzten Zeit ganz zurückgezogen hatte, um das Heilung bringende Walten Evas nicht zu stören. Die Septembertage waren mild und klar und sonnig, in den Nächten stand der Vollmond am Himmel, so daß es auf der Erde gar nicht mehr finster wurde und Licht mit Licht, Goldglanz mit Silberschimmer lautlos wechselte. Da nahmen Hellwig und Kolben ihre Mondscheinpartien wieder auf. Vor Jahren, damals, als Fritz noch als blutjunger Mitarbeiter bei den Freien Blättern saß, hatten sie solche Wanderungen öfter unternommen, und regelmäßig war auch Heinz mit dabei gewesen.

Diesmal fuhren sie in die Eisenerzer Alpen. Spät nachts kamen sie in Kallwang an und machten sich ungesäumt auf den Marsch. In Nagelschuhen und Lodenflaus, die Rucksäcke auf den Rücken, schritten sie wacker aus. Erst war es noch dunkel und nur die Sterne leuchteten über ihrem Weg. Aber dann ging rund und voll der Mond auf und schüttete sein Silber auf die Erde. Die tief eingefalteten Täler füllte er und den endlosen Luftraum, und vor dem hellen Himmel standen dunkel und riesengroß und silberüberrieselt die gewaltigen Mauern des Hochgebirges. Jeder Gipfel war scharf umrissen, und doch waren alle Linien weich und seltsam fließend. Jeder Kamm war rein geprägt und war doch schattenhaft und unbestimmt verschwimmend. Jeder Gebirgsstock ragte klar und fest mit dem Boden verwachsen aus dem silbernen Tal in den silbernen Himmel, und doch schien das alles, in diesem Licht, das so ruhig leuchtete und dennoch immerwährend flimmerte und flutete und mit winzigen Wellchen ineinanderspielte, schien das alles, die wurzelfesten Berge, die mächtigen Kuppen und starr aufragenden Zinken, flaumenleicht und schwebend, nur kaum wie mit ganz feinem Pinsel auf den zart silbernen Himmel hingestrichen. Und das war das Seltsamste: daß die Wucht und kolossale Größe des Gebirges nah und greifbar dastand und doch nicht fühlbar und nicht drückend wurde.

Schweigend schritten sie dahin. Über ebene Wiesenflächen schritten sie, und die Gräser rauschten unter ihrem Tritt und schimmerten und flimmerten, eins im bläulichen Schatten des anderen. Und durch mächtige Tannenwälder schritten sie, die still und undurchdringlich finster waren gleich lichtlosen Kirchenhallen, und nur hoch oben, über dem schwarzen Gitter der Nadelkronen, lag der Mondglanz wie ein durchbrochenes Spitzengewebe.