Schweigend schritten sie vorwärts. Etwas tief Beruhigendes war in dieser Wanderung durch Glanz und Stille, etwas, was alle Leidenschaften einwiegte, alle Wünsche schweigen, alle Erdenmühe vergessen ließ, und auf lautlosen Schwingen hob sich die frei und leicht gewordene Seele und gleitend flog sie, flog schwebend in den unendlichen Frieden hinein, der alle Berge und Täler, alle Höhen und Tiefen durchtränkte.
Schweigend schritten sie aufwärts. Und als sie den Wald hinter sich hatten, ins Krummholz kamen und auf weiche Alpenmatten, da hatte der sanfte Mondglanz schon dem härteren Licht des Morgens weichen müssen. Und als sie den Kamm erstiegen, da brodelten tief unten schon und brandeten die grauen Morgennebel, alle Täler füllend, wie ungebärdige Ströme gegen die ruhige Kraft der Berge an. Und dann sprang die Sonne rein und rund, ein junger Held in goldig flammender Rüstung, auf den Burgwall und schleuderte die Feuerspeere ungestüm fernhin gegen die weißen Hünen im Gesäuse, die gelassen ihre ungeheueren Schilde entgegen hielten, gegen die funkelnden Panzer das Dachsteins, des Glockners, der trotzig unbewegten Riesen — und es war wie der heiße Ansturm des vergänglichen Lebens, das seine überschäumende Kraft auszutoben begehrt an dem unverrückbaren, sicheren, ewigen Sein.
Noch immer schwiegen die beiden Wanderer, schritten den felsigen Kamm entlang zum Gipfel. Neuschnee lag hier oben, weich und unberührt, eine duftige Decke, mit den tiefroten Sternen der Nelken, mit gelben und blauen Alpenblumen leuchtend durchweht. Und zwischen dem Felsgetrümmer blühte das Edelweiß.
Nun waren sie auf dem Gipfel, breiteten die Mäntel aus und hielten Rast. Die Rucksäcke wurden ausgepackt, der sturmsichere Weingeistkocher angezündet, der Tee bereitet. Ein harscher Höhenwind strich über den Kamm, machte die Wangen rot, und die Lungen atmeten tief auf in dieser reinen Frische. Ganz still war es. Die Morgennebel waren verflogen, der Übermut der jungen Sonne war verbraust. Klar und ruhig schien sie von einem blauen Himmel herab auf die gewaltige Bergwelt mit ihren schroffen Zacken und jähen Abstürzen, ihren breiten Gipfeln und schmalen Tälern, und tief unten zwischen dunklem Tannengrün und hellen Wiesen duckten sich winzige Häuschen und Kirchlein und Menschensiedelungen, duckten sich und ruhten an der Brust der Berge sicher und gut wie Vögel im Nest.
Noch immer schwiegen die zwei oben auf der freien Höhe und ließen die Gedanken ausklingen, die während des Aufstiegs, während der mannigfaltigen Übergänge von der dunkelsten Nacht bis zum strahlenden Tag in ihnen wach geworden. Es war wohl bei beiden dasselbe gewesen. An die Not des Lebens hatten sie gedacht und an die herben Enttäuschungen, die keinem von ihnen erspart geblieben. Durch Leid und Verzweiflung waren sie beide gegangen, der eine, als er der geliebten Frau entsagen mußte um des Freundes willen, der andere, als ihm ein Ideal um das andere, ein schöner Traum nach dem anderen zerstob und entschwand. Und doch war jetzt Ruhe in ihnen, eine sanfte, innige Ruhe wie Mondlicht über Trümmern.
Kolben brach endlich das Schweigen.
„Hier ist Friede!“ sagte er und schaute immerzu in das lachende Tal zu seinen Füßen.
Fritz lachte. Traurig und bitter lachte er.
„Ja — hier oben — ein paar tausend Meter weit von allen Menschen — da ist Friede! Und Ruhe — und Sicherheit. — Aber schon dort unten, in den elenden Hütten — so friedlich schauen sie aus, so idyllisch und poetisch — schon dort unten ... weißt du, wie viele Kinder dort schon mißhandelt, — wie viele Tiere nutzlos gequält wurden und täglich werden? Wie viel Elend und Schande und Leid diese Strohdächer zudecken, diese — Menschenstätten? Hier ist Friede! Aber wo Menschen sind, da ist Blut und Schmach und Kampf und Unzufriedenheit.“
Und nun brach auf einmal alles aus ihm vor, was wochenlang auf seiner Seele gewuchtet hatte.