„Aber woher nur? Woher diese ewige Unzufriedenheit? Die Frage läßt mich nicht los! Und ich finde keine Antwort! Das Tier ist zufrieden, die Herde folgt noch heute willig dem Leitstier, die Wölfe rennen im Rudel wie vor tausend Jahren. Nur wir Menschen ändern immer wieder unsere Ordnung. Damit die Republik an die Stelle der Monarchie treten kann, müssen Tausende verbluten. Und kaum haben die Überlebenden gelernt ‚Hoch die Republik!‘ zu schreien, müssen abermals Tausende sterben, die nicht so schnell wie die anderen ihre Kehlen umstimmen können auf den neuen Ruf: ‚Es lebe der Kaiser!‘ — Und wieder zurück, wieder vorwärts, ein steter Wechsel, eine Sehnsucht, so brennend heiß, daß sie manchmal mit Blut gelöscht werden muß! Warum nur? Warum?“

Kolben brach eine purpurne Nelke aus dem weißen Schnee und betrachtete sie aufmerksam: die Blütenblätter, die wie frierend zusammengerollt waren und das Stengelchen, an dem ein ganz dünnes Eisfähnchen glitzerte. Denn in der Sonne war der Schnee geschmolzen, aber der kalte Höhenwind hatte das Wasser sogleich wieder gefrieren lassen. Von allen Seiten betrachtete das der Doktor ganz genau und sagte dabei:

„Warum, Fritz? Weil wir — das Denken gelernt haben. Das Leben — das hat die Natur in den ungeheueren Kreislauf hineingeworfen, gedankenlos und zwecklos hat sie es geschaffen. Wie es sich weiter entwickelt, darnach fragt sie nicht. Aber das Leben hat sich weiter entwickelt und wir — haben uns im Daseinskampf als stärkste Waffe das Denken geschmiedet. Die Natur denkt nicht, wir, ihre Kinder, denken, forschen nach Ursache, Plan und Ziel, werfen unsere bangen Fragen an die Tore der Ewigkeit. Und nichts tönt zurück, nichts kann zurücktönen — als Schweigen. Unseres Daseins uns bewußt, sind wir vom Unbewußten wie von Mauern eingeschlossen und können nicht heraus. Seit wir zu denken angefangen haben, sind wir über unsere Mutter hinausgewachsen. Wie können wir da jemals zufrieden sein?“

Hellwig stöhnte dumpf auf. „Dieses Sich-bescheiden, diese Resignation — ich kann mich nicht damit abfinden ...“

„Du wirst schon müssen, Fritz. Vielleicht — schau’, nimm’s einmal so: Die Entwicklung steht nicht still. Darum wird die Menge immer Rohstoff bleiben und niemals reif werden. Im Bilde: Sie ist ein ungeheuerer Klumpen Ton. Und die einzelnen wenigen, die Erlöser, Dichter, Denker, die in der Entwicklung Vorausgelaufenen, die ‚mit den neuen Wahrheiten‘, die Herrenmenschen, was weiß ich, die alle kneten an dem ungeheueren Klumpen herum. Der eine da, der andere dort, aber ihn ganz bewältigen und zu einem Bildwerk zusammenfassen, das ist keiner imstand. Weil der Ton zu weich ist. Und eh’ er erstarrt, ist schon ein neuer Bildner da und ändert die Nase, die Ohren, die Beine. Manchmal patzt er auch, das tut nichts, ein anderer macht’s schon wieder besser.

Rohstoff ist die Menge, Fritz, und bleibt Rohstoff. Bildungsfähig ist sie und wird doch niemals Bildung haben. Entwicklungsfähig ist sie und wird doch niemals entwickelt sein. Oder: sie braucht immer ihren Beglücker und wird doch nie beglückt sein. Oder zufrieden, was dasselbe ist. Drum laß das gehn!“ — Und jetzt wurde Kolben sehr herzlich. — „Sieh lieber zu, daß dein Junge nicht in der breiigen Masse versinkt. Wenn du’s zuwege bringst, daß er ein Bildner wird, ein vollwertiger ganzer Kerl, ein Kneter, kein Gekneteter — kurz und gut, wenn du der Menschheit einen einzigen tüchtigen Mann heranziehst, dann hast du für sie mehr getan, als wenn du zehntausend — halb glücklich machst. Denn zehntausend Halbheiten sind noch immer kein Ganzes!“

So sprach Doktor Kolben, der stille, versonnene Mensch, während er unablässig die purpurne Blüte mit dem glitzernden Eisfähnchen zwischen den Fingern drehte. Der täppische Bergwind riß ihm die Worte von den Lippen, aber sie erreichten doch ihr Ziel, ein geneigtes Menschenohr, ein empfängliches Menschenherz, wo sie Wurzel fassen und zum Blühen kommen durften.

Und die Sonne lag funkelnd auf dem blendend weißen Schnee und die Täler waren grün und leuchteten grüßend herauf und die Bergriesen standen sicher und trotzig im Kreis und bewachten den Frieden, der mit weit gedehnten Schwingen über allen Dingen schwebte.

6.

Als sie heimkehrten, Edelweiß auf den Hüten, die Kleider schwer vom Duft der Alpenmatten, da waren Reinholt und Pfannschmidt und der alte Bogner mit seinem Schwiegersohn zu Hellwig gekommen.