„Dann lass’ ich’s also hier!“ sagte er, froh über die Erledigung der schwierigen Angelegenheit und setzte das Tierlein behutsam auf den Fußboden. Zitternd stand es da und tat sehr scheu.

„Geben Sie ihm bald zu saufen und zu fressen!“ riet er noch. Und Eva ganz ängstlich darauf: „Mein Gott, was denn? Ich hab’ ja nichts!“

„Im Stall unten ist Heu genug für hundert solche Vieher!“ belehrte er sie und drängte das Reh in den Vorraum der Wohnung. Dann wandte er sich zum Gehen. Aber die Kleine hatte noch etwas auf dem Herzen. Unschlüssig stand sie, hielt die Klinke in der Hand und fühlte sich gar nicht behaglich, zumal das Rehkalb immer von hinten gegen ihre Beine stieß und hinauswollte. Doch sie nahm allen ihren Mut zusammen. „Herr Hellwig!“ rief sie schüchtern. Und als er sich umdrehte, murmelte sie mit fliegendem Atem: „Nicht wahr, Sie ärgern sich nicht mehr auf mich?“

„Weshalb sollt’ ich denn?“ kam ein Knurren zurück.

Bittend schaute sie ihn an. „Gehn Sie, Sie wissen’s ganz gut ... von neulich halt ...“

„Nein, Fräulein ... Eva!“ Gewaltsam mußte er sich ihren Namen aus der Kehle zwingen. „Gute Nacht!“

Und er beeilte sich, über die Treppe hinunterzukommen, während sie, wieder ganz fröhlich, hinterher rief: „Sie haben schon recht gehabt mit dem Gansl!“

Dann fiel die Tür krachend ins Schloß und legte sich plump und klotzig vor ein helles Mädchenlachen.

Unten streckte Fritz beide Arme mit kräftigen Stößen ein paarmal seitwärts und vorwärts, denn sie schmerzten ihn jetzt doch, weil er ja die, wenn auch leichte Bürde fast zwei Stunden ohne Unterbrechung geschleppt hatte. Dann schlenderte er langsam seiner Behausung zu in einer sonderbar weichen, träumerischen Stimmung. Aber er freute sich darüber und freute sich auf die Stunden, die kommen würden und begehrte die Zeit vorwärts zu schieben, als hätte er etwas recht Fröhliches in ganz naher Frist zu erwarten. Und einen nach allen Windrichtungen zerflatternden Drang fühlte er, zu irgendeiner besonderen Tat, die stark oder gut sein sollte und jedenfalls so, daß sie vor den blauen Augen bestehen könnte, deren strahlenden Schein er heimlich im Herzen wie in einer Schatzkammer trug.

Aus einzelnen Fenstern schimmerten schon die Christbaumkerzen, als er mit heiterer Miene noch einmal in das entlegenste Gewinkel der Vorstadt hinausging, wo als vorgeschobener Posten ein Völkchen von Straßenkehrern, Bettlern und herabgekommenen Handwerksleuten mit vielen Kindern und wenig Brot in einer Reihe armseliger Hütten herbergte. Dort öffnete er auf gut Glück eine der Türen, die geradeswegs in die Stube führte, warf seine Börse hinein und lief rasch weg, indes hinter ihm das wüste Gekeif einer harten Weiberstimme unvermittelt in den schrillen Ruf grenzenloser Überraschung umschlug. In jener Börse aber hatte er schon seit Jahren von seinem Taschengeldchen Kreuzer zu Kreuzer gespart, um nach der Reifeprüfung eine Reise in die Alpen unternehmen zu können. Doch tat ihm das Aufgeben einer lang genährten Hoffnung heute gar nicht leid. Froh war er darüber, und da das Opfer uneingestandenermaßen der kleinen Eva Wart gegolten, fühlte er sich jetzt wie durch ein Band geheimen Einverständnisses mit ihr verbunden, obwohl sie gar nichts davon wußte.