Seine Mutter aber hatte ihn noch nie so sanft, zugänglich und herzlich gesehen wie an diesem Abend, so daß auch für sie ein leidlich vergnügtes Weihnachtsfest abfiel. Sie bedachte ihren Jungen mit allerlei Dingen des täglichen Bedarfs, mit Hemden, Taschentüchern, Socken und Kragen, erging sich eine Stunde lang in der beschaulich-rührseligen Betrachtung einstiger, gemeinsam mit dem Gatten verlebter Weihnachtsabende und suchte dann ihre Schlafstelle.
Fritz dagegen begab sich, als die Glocken zur Mette läuteten, noch einmal auf die Straße, wo von allen Seiten die Frommen heranzogen, um beim Gottesdienst der Geburt des Erlösers dankbar zu gedenken. Trotz der mondhellen Nacht trugen viele nach alter Gewohnheit ihre brennenden Laternen mit sich, und auch von den Hügellehnen herab zu den Dorfkirchen bewegten sich rötlichgelbe, schwankende Lichter, eines hinter dem andern, wie die Glieder großer Feuerwürmer.
Unstet strich Hellwig durch die Gassen und spähte den Wallern ins Gesicht. Zwischen ernsten Greisen, würdigen Matronen und verschlafenen Hausfrauen schritten blutjunge Mädchen mit lebenslustigen Augen, die unter großen Umschlagtüchern, Kapuzen oder leichten Seidenschals verstohlen nach den Jünglingen blickten. Insgeheim hoffte Fritz auch Eva in der Menge zu sehen. Aber sie kam nicht. Und als er sich scheu wie ein Dieb in die Nähe des Marktplatzes wagte, da lag das Haus der Kaufmannsfamilie schwarz und finster ganz im Schatten, und hinter den Vorhängen waren alle Lichter verlöscht. Nun wurde er kühner, setzte sich auf den Rand des Brunnens, der von einer uralten steinernen Rolandfigur bewacht, in der Mitte des Platzes aufgestellt war, und während das Wasser hinter seinem Rücken klingend in das Becken fiel, starrte er zu den dunklen Fenstern empor, und in seiner verwunderten Seele begann das Keimen und Wachsen einer zaghaften Sehnsucht, eines innigen Glücksgefühles, gleich dem Drängen und Treiben in blattlosen Bäumen zur Vorfrühlingszeit. Noch wissen sie nicht, was da sich regt und ihre Rinde dehnt, — ahnungsvoll stehen sie und warten und ängstigen sich wohl auch, bis in einer gesegneten Stunde aus allen Knospen grüne Blätter, weiße Blüten lachend der Sonne in die Arme springen. So träumte Fritz Hellwig unter einem hohen, frostklaren Sternenhimmel seiner ersten, keuschen, seligtörichten Jünglingsliebe entgegen. —
Als er am nächsten Morgen erwachte, schämte er sich zwar ein wenig seines Treibens, aber die schwärmerische Empfindung war geblieben. Doch ging er während der ganzen Ferienwoche nicht ein einziges Mal zu Heinz, sondern trieb sich wie verloren ganz allein herum, lief alle seine Lieblingsplätze ab und freute sich über alles mögliche: auf den Sommer und die Erikablüte, das Baden im Fluß und das Schwämmesuchen in den Wäldern, auf das Ende der Gymnasialstudien und auf das Leben in der Hauptstadt, wo er im Herbst die Hochschule beziehen würde.
9.
Nach den Feiertagen wurde Fritz in die Kanzlei des Direktors gerufen, und der hielt ihm in scharfer Weise vor und sagte ihm auf den Kopf zu, er, Friedrich Hellwig, sei an dem und dem Tage, zu der und der Stunde in dem und dem Gasthaus beim Billardspielen gesehen worden. Das war eine schwere Anklage, denn der Wirtschaftsbesuch war den Studenten streng untersagt.
„Das ist eine Lüge!“ rief Fritz ungestüm.
Der Direktor aber entgegnete, er solle sich mit seinen Worten in acht nehmen. Ausflüchte werden da nichts helfen, denn er sei mit vollster Bestimmtheit erkannt worden. Übrigens müsse er sich auch schon deswegen an den Vorfall erinnern, weil er sich beim Erscheinen des Gewährsmannes — es sei einer der Herren Professoren gewesen — unterm Billard versteckt habe. „Fügen Sie also,“ schloß der Schulmann, „zu dieser Feigheit nicht noch eine, sondern legen Sie ein mannhaftes Geständnis ab!“
„Herr Direktor,“ antwortete Fritz mühsam, „ich bin kein Feigling. Hätt’ ich’s getan, so würde ich’s auch sagen. Aber es ist nicht wahr! Die Anzeige ist Wort für Wort erlogen! Stellen Sie mich dem Klatscher gegenüber! Er soll’s mir ins Gesicht sagen, wenn er sich traut!“
Darauf erwiderte der Direktor mit seiner schrillen, metallenen Stimme, und bei jedem nachdrücklichen Wort zuckte der breite Vollbart, stachen die kalten Augen gegen den Verwegenen. „Vor allem,“ sagte er, „muß ich Ihre Ausdrucksweise auf das schärfste rügen. Die Strafe hierfür wird nicht ausbleiben, verlassen Sie sich darauf! Im übrigen werden wir mit Ihrem unverschämten Leugnen sofort fertig sein! — Ich bitte, Herr Kollega!“