Er öffnete die Tür zu seinem Sprechzimmer, und heraus trat hüstelnd und spuckend Professor Hermann.
„Sie wissen, um was es sich handelt, Herr Kollega? Der Schüler hat ja laut genug gesprochen.“
„Verehrtester Herr Direktor,“ entgegnete Hermann, „verehrtester Herr Direktor, ich kann nur wiederholen, was ich Ihnen bereits mitgeteilt habe. Der Oktavaner Hellwig hat mir gegenüber in der gröblichsten Weise die Achtung verletzt, jene Achtung, die er seinen Lehrern und Vorgesetzten schuldet. Dies hat mich veranlaßt, seinem Treiben außerhalb der Schule ein wenig nachzugehen. Denn wenn ein eifriger und fleißiger Schüler in den höheren Klassen plötzlich versagt und sein Benehmen auffällig ändert, ist in neunundneunzig von hundert Fällen das Wirtshaus schuld. Diese Ansicht des hochwürdigen Paters Romanus hat sich noch immer als richtig erwiesen. Nun besteht da in der Vorstadt ein kleines Gasthaus, wo dem Vernehmen nach fast täglich Studenten zusammenkommen sollen, weil es entlegen, billig und mit weiblicher Bedienung versehen ist. Mit weiblicher Bedienung! In dieser Kneipe habe ich den Schüler Hellwig gesehen, der sich bei meinem Eintritt hinter das Billard geduckt hat. Leider habe ich ihn nicht zur Rede stellen können, weil meine Augengläser in der Wärme angelaufen sind, und als ich sie geputzt hatte, war er offenbar durch einen rückwärtigen Ausgang verschwunden.“
So redete der Professor, und wenn ihm jemand erwidert hätte, daß Spitzeltum und Angeberei von anständigen Leuten zu den verächtlichsten Charaktereigenschaften gerechnet werden, hätte er gewiß eifrig zugestimmt und nur ganz verwundert gefragt, was diese Bemerkung denn hier zu tun habe. Denn er fühlte sich in der schleimigen Niedrigkeit seines Wesens über jeden Tadel erhaben und hatte noch niemals gezweifelt, daß eine seiner Handlungen etwas anderes als vollkommen sein könnte.
Fritz war einfach fassungslos.
„Es muß ein Irrtum sein!“ Der leise Ton seiner Stimme machte keinen guten Eindruck.
„Geben Sie das Leugnen auf!“ riet der Direktor. „Sie machen damit Ihre Sache nur schlimmer!“
Nun wurde der ehrliche Junge wild. „Ich war aber nicht dort!“ rief er ungeduldig. „Kenne die Spelunke gar nicht! Herr Professor verwechseln mich vielleicht mit jemandem andern!“
Freimütig und Bestätigung heischend, oder wie die beiden Pädagogen feststellten, frech und verstockt, blickte er von einem zum andern. Da fuhr Professor Hermann auf ihn los: „Sie kecker Bursch! Also ich bin ein Lügner? Was? Natürlich! Verwechselt hab’ ich Sie! Einen Doppelgänger haben Sie! — Zu blöd! — Verehrtester Herr Direktor, wie ich schon sagte, der Schüler ist ein Schandfleck für die Anstalt! Ein Schandfleck!“
Gewaltsam suchte sich Fritz zu beherrschen. Aber es ging nicht. „Sie haben mir schon einmal unrecht getan!“ keuchte er in zuckendem Zorn. „Ohne jeden Anlaß, nur weil Sie mir aufsässig sind! Das ist gemein! Das ist schuftig!“