Er spie dem Professor vor die Füße, blieb mit gespannten Muskeln noch eine Minute hoch aufgerichtet stehen und wartete. Da jedoch die zwei Schulmeister vor der ungeheuerlichen Tat stumm wie Steinbilder standen, schritt er traurig durch die Tür über die Stiege hinab ins Freie und ließ, je weiter er ging, das eben noch stolz getragene Haupt immer tiefer sinken.
Infolge dieser Begebenheit sah Romanus früher noch, als er gedacht, seinen Plan verwirklicht, war die Entfernung Hellwigs, des räudigen Schafes, das eine beständige Gefahr für die anderen bedeutete, vom Gymnasium unvermeidlich geworden. Der Pater empfand eine starke Befriedigung darüber. Nur daß sein Name in der leidigen Affäre nicht ganz verschwiegen geblieben, trübte ihm die Freude. Denn er wollte ganz rein dastehen. Nicht der leiseste Schatten eines Verdachtes durfte auf ihn fallen, daß er auch nur mittelbar beigetragen hätte, wenn der einzige Sohn einer bedürftigen Witwe kurz vor der Reifeprüfung so hart gemaßregelt wurde.
Und wie nun in einer eigens einberufenen Sitzung Hellwigs Ausschließung von allen Mittelschulen des Reiches beim Landesschulrat beantragt werden sollte und als alle Lehrer einig waren, daß für den unerhörten Frevel diese strengste Strafe eigentlich noch nicht streng genug sei, da erhob sich plötzlich der Religionsprofessor und trat aufs wärmste für den Sohn der Witwe ein. Er konnte das beruhigt tun. Am Neuberger Gymnasium wenigstens konnte dieser auf keinen Fall geduldet, konnte er nicht noch weiterhin von einem Lehrer unterrichtet werden, dem er Gemeinheit und Schufterei vorgeworfen.
Professor Hermann aber war tatsächlich im guten Glauben gewesen. Wie jemand, der einen Bekannten zu treffen hofft, im Menschengewühl bald diesen, bald jenen Fremden für den Gesuchten hält, ihm nacheilt und erst in nächster Nähe den Irrtum erkennt, — so hatte auch er sich vorgetäuscht, daß er Hellwig wirklich gefunden habe, weil er ihn finden wollte. Das wußte Romanus und schonungsvoll stach er dem Professor den Star, legte dar und stellte unter Beweis, daß der Beschuldigte an dem bewußten Tage tatsächlich nicht in jener Kneipe gewesen, kurz, trieb den verlegen hüstelnden Angeber so in die Enge, daß er schließlich notgedrungen die Möglichkeit eines Irrtums zugeben mußte, worauf ihn der Pater eines solchen in unwiderleglicher Weise überführte.
Die Stimmung unter den Professoren schlug nun zwar zugunsten des Jünglings um, aber die gröblich beleidigte Autorität forderte Sühne. Der Antrag an die Oberbehörde wurde auf ‚lokale Ausschließung‘ eingeschränkt.
Noch im Jänner traf die Genehmigung ein, und Hellwig erhielt ein Abgangszeugnis, in welchem das sittliche Verhalten als ‚nicht entsprechend‘ bezeichnet und auf der Rückseite der Vermerk eingetragen war, daß gegen den Schüler wegen ‚Beschimpfung und Bedrohung eines Lehrers, fortgesetzt frechen Benehmens, Ungehorsams und Widersetzlichkeit‘ die lokale Ausschließung vom k. k. Staatsgymnasium in Neuberg verfügt worden sei.
10.
Wenn man sieben Jahre ununterbrochen in derselben Schule von denselben Lehrern unterrichtet wurde, ist es gewiß schwer, sich in den Unterrichtsplan einer anderen Anstalt hineinzufinden, mit der Art und den Eigenheiten anderer Professoren sich vertraut zu machen. Fritz tat mehr. Seine Mutter hatte im Laufe der Jahre unter vielfachen Entbehrungen ein paar Gulden zusammengebracht, um ihn für den Anfang der Hochschulzeit über Wasser halten zu können. Die wollte sie jetzt dranwenden, wollte ihn in der nächsten Gymnasialstadt weiterstudieren lassen. Aber er ließ sich dort nur als Privatschüler einschreiben, blieb in Neuberg und lernte ohne Lehrer drauflos. Es galt jetzt nicht nur den umfangreichen Stoff für die Reifeprüfung, sondern auch den des letzten Halbjahres ohne Leitung zu bewältigen. Da blieb alles andere links liegen: Darwin, Nietzsche, Marx, die Spaziergänge und Zusammenkünfte mit den Freunden.
Erst fertig werden! Und er hockte über den Schulbüchern wie ein Geizhals bei seinen Schätzen.
Da fiel, es war im April, seine Mutter in eine Krankheit. Erst Influenza. Dann Lungenentzündung. Und dann erklärte Doktor Kreuzinger in seiner behutsamen Art dem verzweifelten Jungen, er müsse sich auf das Schlimmste gefaßt machen.