Das durfte nicht sein. Sie mußte leben. Noch viele Jahre leben. Durfte nicht von ihm gehen, bevor er nicht wenigstens ein Tausendstel abgetragen hatte von seiner drückend großen Schuld. Was war denn ihr Leben gewesen? Unter Darben und Kümmernissen ein stetes Plagen und Sorgen für ihn. Und die Zeit, wann er das ändern, die ganze Last des Lebens auf seine Schultern nehmen konnte, war noch so weit.
„Herr Doktor, es kann nicht sein!“
Aber es war doch. Eines Nachmittags. Sie hatte die Sterbesakramente empfangen. Segnend war der Priester gegangen. Der alte Arzt mit dem weich fließenden Silberbart saß neben ihrem Bett. Sie lag mit geschlossenen Lidern bleich und teilnahmslos da. Glockenklänge kamen von draußen. Sie läuteten zu irgendeinem Begräbnis. Wie fast jeden Nachmittag. Da regte sich die Kranke, öffnete die Augen, rief ihren Sohn zu sich. Auf unhörbaren Sohlen zog sich der Arzt in eine Ecke zurück. Fritz trat an ihr Bett. Sie streckte die Hände aus, zog ihn zu sich nieder, nahe, ganz nahe. Und sah ihm aufmerksam wie prüfend ins Gesicht. Und die Sorge um das Seelenheil ihres Kindes stieg noch einmal in ihr auf.
„Versprich mir,“ — flüsterte sie — „versprich mir, Fritzl, daß du immer an unsern Herrgott glauben wirst.“
Er aber schwieg. In gedankenloser Dumpfheit schaute er in das Gesicht, das ihm so vertraut war, und wunderte sich, daß er noch niemals früher bemerkt hatte, wie kennzeichnend und bestimmt ausgeprägt eigentlich die Falte war, die sich von dem papierdünnen Nasenflügel um den Mundwinkel bis zum Kinn hinab fortsetzte.
Und abermals, nur kaum wie ein leichter Hauch: „Versprich mir’s.“
Die Worte wehten an ihm vorbei, erreichten ihn nicht.
Er blickte auf die scharfe Linie um den Mund, sah, wie sie zuckte, bald länger, bald kürzer wurde, und mühte sich, ihr letztes Ende in der glanzlosen Haut des Kinns zu entdecken.
Und noch einmal, fast unhörbar, wie das Schweben einer Flocke in unbewegter Luft:
„Versprich ...“