Wie tief die Furche wurde, wenn sich die Lippen bewegten. Und wie fremd das aussah ...

Da hoben sich die schmalen wachsbleichen Hände. War’s zur Umarmung oder Abwehr? Er wußte es später nicht mehr, wußte nur, daß sie sogleich wieder schwer mit einem seltsam erschütternden, dumpfen Aufschlagen auf die Bettdecke gefallen waren.

Und dann war alles vorbei. Nur die Augen starrten noch groß und weit geöffnet. Aber es war keine Angst mehr darin und kein Flehen. Nichts. Und die Furche war jetzt ganz starr, ganz tief, wie mit dem Messer in gelbes Holz geschnitten.

Der Arzt war rasch hinzugetreten. Tiefernst, mit ruhigen, leisen Bewegungen tat er, was für ihn zu tun übrig blieb. Er forschte nach dem Leben und fand keine Spuren mehr, zog die Lider über die leeren Totenaugen und wandte sich dann zu Fritz. Der stand mit schlaff hängenden Armen und vorgeschobenem Kopf reglos. Da war etwas unter ihm fortgeglitten. Etwas, das noch ganz kurz vorher geatmet hatte — und sich geregt hatte — und Worte gesprochen hatte — irgendwelche leise Worte, deren Nachhall noch im Zimmer zitterte — so still war es ...

Sacht legte ihm Doktor Kreuzinger den Arm um die Schulter. „Sie ist hinüber.“

Verständnislos stierte ihn Hellwig an. Kein Muskel zuckte, hart lagen die Züge auf dem unbewegten Antlitz. Langsam wand er sich aus dem Arm des Greises, und ohne die Haltung zu ändern, steif, schwerfällig, schob er sich aus dem Gemach.

Ein warmer Regen war niedergegangen und verrauscht. Ein harscher Wind schob dunkle Wolkenklumpen vor sich her. Hinter ihm wurde blauer Himmel. Rund und blank und frisch wie eine riesige, taubesprühte Knospe lag die Erde im Arm des Frühlings. Lag und lachte, schrie, jauchzte, jubelte dem starken Leben ein heiliges Ja entgegen. Und die Blumen lachten es mit und die Bäche rauschten es mit und vom Himmel die Höhen herunter brüllte es mit das täppische Hünenkind, der Lenzsturm, sprang wipfelauf, wipfelab und über die sprossenden Fluren hin, tanzend, keuchend, stöhnend in unbändiger Kraft.

Und: „Ja — leben — ja!“ brüllte er dem schwachen Menschlein zu, dem hageren Jungen im dünnen Hausrock, mit zerwirrten Haaren, der sich, mühsam wie der aufgescheuchte Abendfalter im unerträglich grellen Licht des Tages, zurechtzufinden suchte und mit seiner ersten großen Trauer zur Erde hatte flüchten wollen. Aber die Erde gab heute dem Leben ein Fest. Und die seinen Schmerz hatte lindern sollen, peitschte ihn bis zur Verzweiflung empor durch die wilde, machtvolle Freude, mit der neues und immer neues Werden die starre Winterhaft zerbrach und alle Grenzen überflutete. Leben rang sich siegreich aus Leben, stürzte glühend in die werbende Umarmung des Lebens, und des Lebens warmer Atem quoll aus braunen Ackerschollen, dampfte aus feuchten Moosen, stieg aus jungen Saaten und geöffneten Blumenkelchen über Getier und grüne Wipfel himmelan wie schwerer berauschender Opferduft.

Wozu?

Die seinem Herzen am nächsten gewesen, hatte ihren Platz verlassen, und keine Lücke war geblieben. So — wie nach dem Zerstäuben eines Tropfens die ungeheure Meerflut gleichmäßig weiterrollt. Niemand fragte nach der Gestorbenen, vermißte oder brauchte sie.