Und rings jauchzte die kraftvolle Frühlingswelt. Aber er konnte ihr nicht nahekommen. Ein Fremdes, Hassenswertes drängte sich dazwischen, gegen das er vergebens ankämpfte. Das machte ihn trostlos und verzweifelt. Ganz leer war es in ihm. Und in den Kronen des Waldes sang der Lenzsturm das Lied des Lebens. —
Stunden verrannen. In seiner leichten Jacke begann ihn zu frieren. Da wollte er umkehren, tat ein paar Schritte, blieb wieder stehen und besann sich. Wohin nur? Und da fiel ihm ein: Er mußte ja seine Mutter begraben. Nun wich die steinstarre Ruhe aus seinem Gesicht. Die Mundwinkel zuckten. Aber er konnte noch nicht weinen. —
Als er nach Hause kam, war Frau Hedwig dort. Sie hatte alles schon besorgt. Die Leichenfrau war dagewesen, hatte die Tote gewaschen und in ihr Kleid getan. Mit einem weißen Linnen zugedeckt, lag sie jetzt in der Stube auf dem Leichenbrett, zu Häupten zwei brennende Wachskerzen und das schwarze Kruzifix aus dem Glasschrank, zu Füßen ein Gebetbuch und eine Schere. Ein Becken mit Weihwasser stand daneben und ein Wedel aus Kornähren lag darüber. Ganz dem Herkommen gemäß war sie aufgebahrt, und nichts war verabsäumt.
Als Fritz Frau Hedwig in der Stube erblickte, wachte die alte Abneigung wieder auf. Nur zögernd überschritt er die Schwelle. Dann aber bemerkte er unwillkürlich die kleinen Zeichen ihrer wohltuenden Obsorge: das geöffnete Fenster, die abgestellte Uhr, das weiße Tuch vorm Spiegel. Und im Bewußtsein seiner Verlassenheit konnte er sich ihrer warmen Mütterlichkeit nicht mehr entwinden. Er griff nach den wortlos gereichten Händen, hielt sie fest und — drückte sie rauh aufschluchzend gegen die Augen. Nun streichelte sie ihm die Wangen, die Stirn, das Haar. Und dann lag sein Kopf auf ihrer Schulter, während er sich umsonst mühte, der Tränen Meister zu werden, die ihm jäh und heiß über die Lider sprangen.
Lautlos weinte er so, kaum eine Minute lang und doch lang genug, daß der versteinerte Schmerz in eine sanftere Trauer sich löste.
„Mutter!“ rief er leise. „Mutter!“ So ruft nachts ein banges Kind nach ihrem Schutz.
Und eine tiefe, weiche Frauenstimme sagte: „Still, Fritz, still! Lassen Sie sie friedlich heimgehn.“
Er schüttelte heftig den Kopf, ohne die Stirn von ihrer Schulter zu heben, wo es sich so gut ruhte.
„Hier war sie zu Haus ... und übermorgen ... tragen sie mir sie fort!“
„Nein, Fritz, sie tragen sie heim. In den Frieden. In die Ruhe. In das sicherste Geborgensein. Eine Mutter zur Mutter.“