„Sie war die meine ... mir hat sie gehört!“
„Ja, Fritz, Ihnen — aber auch der Erde. Schaun Sie, Fritz, nur der Leib, die Form wird sich nur ändern, aber ihr Zweck wird immer bleiben. Hier bei uns hat sie ihre Bestimmung erfüllt, drum muß sie zu anderen, muß für diese Keim und Nahrung, Wurzel und Mutterbrust sein. Alles muß allen nützen. Das ist das Schöne, Trostreiche auf Erden.“
Da schaute er ihr lang wie suchend in die Augen und sagte nichts mehr.
Ihre Aufforderung, bei Heinz zu übernachten, schlug er aus. Nun ging sie und ließ ihn mit der Verstorbenen allein.
Es war bereits dunkel geworden. Die Wachslichter leuchteten matt und füllten das Zimmer mit unstet flackerndem Schein und zuckenden Schatten.
Er trat zu der Toten und schlug das Laken zurück. Da lag sie still und weiß in ihrem einstigen Brautkleid, und der Körper, aus dem er selbst einst Wärme und Blut und Leben gesogen hatte, war kalt und steif und wertlos geworden. Er schauerte zusammen. Bis in die Knochen fror ihn. Und ihm war, als erstürbe auch sein Leib, würde bleischwer und seiner Seele fremd, die sich plötzlich nicht mehr darin zu Haus fühlte und erschrocken umherschaute, wie ein zur Nachtzeit angekommener Reisender im ungewohnten Gastzimmer.
Langsam breitete er das Tuch wieder über den Leichnam und setzte sich an das offene Fenster, durch das die starke, kühle Frühjahrsluft strich. Der Sturm hatte sich gelegt. Es wurde Nacht. Lampe um Lampe erlosch in den Häusern, ganz finster wurde es unter einem sternlosen Himmel. Und zu Häupten der Toten zwischen den schwelenden Lichtern hing unbeweglich der Kruzifixus.
Da fiel ihm die letzte Bitte der Mutter wieder ein. In raschem Aufwallen erhob er sich, nahm das Kreuz und legte es vor sich auf das Fensterbrett. Der Kerzenschein huschte über die Porzellanfigur, die weiß und schlank auf dem dunklen Holz lag, die Arme weit gebreitet und das Haupt mit der Dornenkrone zur Seite geneigt.
Immerfort starrte er auf das Bildwerk.
Und draußen lag die Erde wie ertrunken in der dickflüssigen Dunkelheit, und die Atemzüge der schlafenden Kreaturen kamen und gingen wie schwere, unhörbare, noch dunklere Wellen, und rundum flutete die uferlose Stille der Nacht.