Und jäh durchzuckte es ihn: Wenn ... wenn doch ... wenn es doch dort drüben was gäbe? Wer weiß es denn? Wer kann behaupten oder leugnen — wenn sogar die eigene Seele dem Körper fremd werden kann?
In dumpfer Qual stöhnte er auf. Seine Finger legten sich um das Kreuzholz, als wollten sie es zerbrechen, schüttelten es, ungeduldig, leidenschaftlich, drohend: „Gib Antwort, du!“
Aber rings war Dunkel und Schweigen.
11.
Nach zwei Tagen war die Tote begraben, und die Notwendigkeit der Beendigung seiner Gymnasialstudien war für Hellwig eiserner als je. Über Zureden seines Freundes hatte er endlich eingewilligt, war zu ihm übergesiedelt und wohnte nun Wand an Wand neben Heinz in einer noch kleineren Dachkammer.
Niemand störte ihn hier. Sogar das Essen wurde ihm hinaufgebracht. Und er wühlte sich ganz in diese Abgeschiedenheit hinein, ging kaum ins Freie und lernte nur, lernte, lernte.
In den letzten Tagen des Mai unterzog er sich an dem Gymnasium der benachbarten Stadt der Prüfung über den Lehrstoff des zweiten Halbjahrs und bestand sie. Kurz darauf legte er die schriftliche und endlich auch die mündliche Reifeprüfung ab. Und da der Landesschulrat, der dieses Schulexamen leitete, nicht an allen Mittelschulen zu gleicher Zeit prüfen konnte, traf es sich, daß Hellwig um volle drei Wochen früher für reif erklärt wurde als seine Kollegen in Neuberg.
Nun wollte er gleich nach Prag und sich auf eigene Faust durchschlagen. Aber sie ließen ihn nicht fort. Auch Vater Wart nicht, der zielbewußte Arbeit in jeder Form achtete und seine Meinung über den großen Blonden mit den Storchbeinen sehr zu dessen Gunsten geändert hatte.
„Machen Sie keine Geschichten!“ sagte er ihm. „Jetzt heißt’s erst tüchtig faulenzen! Den Schädel ausrauchen lassen von der ewigen Lernerei!“
„Ich darf Ihre Gastfreundschaft nicht mißbrauchen,“ erwiderte Fritz. „Ich darf mich nicht länger von Ihnen aushalten lassen!“