Da polterte der Kaufmann los: „Jetzt das ist aber schon mehr als blöd! Aushalten lassen! So was sagt man überhaupt nicht!“ Dann überlegte er und fuhr fort: „Übrigens, wenn Sie sich’s justament verdienen wollen — der Bub’ von meiner Schwester ist bei mir in der Lehr’. Wenn Sie ihm bis zum Oktober ein bissel Stenographie und Französisch beibringen wollen, kann’s ihm nichts schaden und mich soll’s freuen! Gilt’s?“

Er streckte ihm die biedere Tatze hin, und Fritz schlug ein.

Hier bewog ihn nicht zum letzten der Gedanke an Doktor Kreuzinger. Dem greisen Gelehrten war jener Kampf zwischen kindlicher Zärtlichkeit und Wahrheitsliebe nicht entgangen und die geweckte Teilnahme hatte ihn veranlaßt, den Jüngling zu einem Besuche aufzufordern. Gern war Hellwig jetzt dieser Einladung gefolgt. Hatte ihm doch Heinz schon viel von der Bücherei und den Sammlungen des Großvaters berichtet. Seine hoch gespannten Erwartungen wurden auch nicht getäuscht, wurden von dem, was er dort vorfand und erlebte, noch übertroffen. Versteinerungen, Abdrücke und Knochen vorsintflutlicher Geschöpfe waren hier aufgespeichert, Mollusken, Krebse, Spongien und Leptokardier jeglicher Form und Gattung in Gläsern, Kasten und Wandschränken füllten zwei große Zimmer. Das Wertvollste aber war die klare Art, mit welcher der Doktor aus dem Äußerlichen den Kern herausschälte, die Zusammenhänge bloßlegte und die vielfachen faserfeinen Verästelungen auf ihre gemeinsame Wurzel zurückführte. Mit prunklosen Worten, scheinbar stets bei der Sache und doch über ihr, entwarf er dem begierig Lauschenden eine Übersicht über die Entwicklungsgeschichte der Erde und des Lebens und leitete ihn die Quellen der Erkenntnis hinauf, soweit Menschensinne dorthin vordringen können.

Dem ersten Besuch folgten andere, und bald war Hellwig täglich um sechs Uhr früh in der stillen Gelehrtenwohnung. Meist kam er allein, denn Heinz hatte sich ganz auf die Sozialpolitik geworfen und war für nichts anderes mehr zu haben. Für Fritz aber waren diese Morgenstunden, da er an der Seite des verehrten Mannes zuhörend und lernend durch den sommergrünen Garten schritt, während der Sonnenschein silbern in den Baumkronen spielte, das Schönste, das ihm das Leben bisher gebracht hatte, gehörten überhaupt zu dem Kostbarsten, das es ihm je zu bieten vermochte.

Und eines Tages lernte er dort den Doktor Albert Kolben kennen.

Der war auch von den Pfahlbürgern Neubergs als ein verlorenes Schaf erklärt worden, und sie hatten ihm, oder eigentlich in seiner Abwesenheit, bei Bier, Kaffee und geselligen Zusammenkünften hatten sie sein Verkommen so lang vorausgesagt, bis er vor ein paar Monaten den Doktorgrad erwarb. Und Reserveoffizier war er ebenfalls. Da waren sie baff. Dann aber entrüsteten sie sich desto mehr und fanden, der Kolben Albert hätte das nur getan, um sie zu ärgern. Denn die genasführten Propheten empfanden das Ausbleiben ihrer Vorhersagungen als persönliche Beleidigung. Es war gewiß unverschämt vom Kolben Albert. Aber er ließ sich eben überhaupt nichts vorschreiben, sondern tat, was ihm beliebte und ließ bleiben, was ihm nicht paßte. Das konnte er um so leichter, als er nach seinen Eltern ein beträchtliches Vermögen nebst einem Landgut besaß und von niemandem abhängig war. Übrigens hatte er von je auf die Nachrede der Leute keinen Deut gegeben, hatte im Gegenteil alles getan, um sie herauszufordern. Als sechzehnjähriger Lateinschüler hielt er sich ein Reitpferd und zwei große Hunde, als Achtzehnjähriger soff er einmal sogar den Wart Nikl unter den Tisch, als Zwanzigjähriger schnürte er sein Bündel und zog nach Wien. Was er dort trieb, wußte man nicht. Es liefen jedoch die abenteuerlichsten Gerüchte um. Daß er in der Schriftleitung einer sozialdemokratischen oder anarchistischen Zeitung tätig sei, in Volksversammlungen Brandreden halte und fortwährend betrunken in den Schnapsschenken herumliege. Da wurde er als Sechsundzwanzigjähriger Doktor der Weltweisheit und tauchte wieder in Neuberg auf. Daß es sich lediglich um einen kurzen Erholungsurlaub handelte, wußten nur seine vertrautesten Freunde.

Über eine so unklare Lebensführung mußten sich die wackeren Spießer entrüsten. Sie entrüsteten sich, weil sie aus ihm nicht klug werden konnten. Und sie wurden nicht klug aus ihm, weil er sich nicht in den Kochtopf gucken ließ, Zudringliche mit höflicher Überlegenheit abwehrte und lüsterner Neugierde begegnete, indem er mit trockener Sachlichkeit und größtem Ernst die ungeheuerlichsten Behauptungen aufstellte, verfocht und begründete. So bekannte er sich einmal gegenüber einem waschechten deutschen Volksgenossen, der sein politisches Gewissen erforschen wollte, zur demokratisch-alldeutsch-antisemitischen Anarchie und spickte den unvorsichtigen Frager derart mit großen Worten und fetten Phrasen, daß dieser ganz mürb wurde und schließlich — etwas angeheitert war er auch schon — das neue Programm als einzige Rettung des Bürgertums vor der roten Gefahr begeistert zu preisen anhob. Nachträglich wurde er von einsichtigeren Leuten aufgeklärt, daß er seiner leichtgläubigen Beschränktheit einen tüchtigen Bären habe aufbinden lassen, und der Chor der Entrüsteten war wieder um eine ausgiebige Stimme verstärkt.

Kolben ertrug die üble Nachrede, wie man das Konzert der Frösche im Frühjahr erträgt und verriet mit keiner Miene, wie sehr ihn das zwecklose Lärmen belustigte. Sein rundliches, ganz glatt rasiertes Gesicht blieb immer gleichmäßig ernst, und nur die besten Freunde errieten aus einem fast unmerklichen Zwinkern im rechten Augenwinkel seine heimliche Fröhlichkeit.

Als Hellwig mit ihm zusammentraf, saß er, phlegmatisch und scheinbar gelangweilt wie immer, auf der Gartenbank unter dem breit schattenden Buchenbaum und grub mit dem Spazierstock Strich neben Strich in den Kies, während Doktor Kreuzinger von den Erfolgen des letzten Ärztekongresses lebhaften Bericht erstattete, den er bei Fritzens Ankunft unterbrach, um die Vorstellung zu besorgen.

Ohne seine nachlässige Haltung zu ändern, hob Kolben nur ein wenig die Stirn, faßte den Jüngling mit einem raschen Blick und zeichnete nach einem kurzen Kopfnicken schweigend weiter.