Hellwig empfand das als Unhöflichkeit und Beleidigung. Hitziger, als eben nötig war, sagte er:

„Herr Doktor, es wird besser sein, wenn ich wieder gehe. Der Herr scheint die Störung nicht zu wünschen!“

Begütigend winkte der alte Gelehrte mit beiden Händen. Bevor er jedoch etwas sagen konnte, war Kolben schon gemächlich zur Seite gerückt und antwortete, fortwährend eifrig weiterstrichelnd: „Was Ihnen nicht einfällt! Setzen Sie sich nur her.“ Damit goß er aber Öl in die Flamme.

„Eine solche Behandlung brauche ich mir nicht gefallen zu lassen!“ brauste Fritz auf. „Sparen Sie sich das für Ihren Pferdeknecht!“

Nun hob der andere den Kopf. Das glatte Kinn auf den Stockknauf gelegt, schaute er dem Zornigen mit einem erstaunten Blick in die Augen. „Was für ein Unterschied,“ fragte er unerschüttert ruhig, „was für ein Unterschied ist denn zwischen Ihnen und meinem Pferdeknecht?“

Da sah ihn Hellwig noch ein paar Sekunden streitgewärtig an. Dann senkte er beschämt die Augen. Und jetzt stand Kolben auf, langsam, gemessen, mit der ihm eigenen steifen Würde, trat neben ihn und sagte, immer mit der gleichen kalten Nachlässigkeit: „Seien Sie nicht so empfindlich. Guter Ton, feine Manieren — mit solchen Albernheiten werden wir uns doch hier nicht abgeben. Kommen Sie. Und seien Sie versichert: Wer in den Frühstunden bei unserm verehrten Doktor Gast sein darf, den achte ich schon um dessentwillen. Allerdings, verbeugen werde ich mich trotzdem nicht vor Ihnen.“

Bei diesen Worten glitt etwas wie ein Lächeln über seine Züge. Und da war nichts mehr von Phlegma oder Langeweile darin. Geistvoll, klar und klug, erhielt dieses gescheite Gesicht, das sonst hinter der angewöhnten Ruhe wie eingefroren lag, durch die reife Verständigkeit seines Lächelns etwas ungemein Gewinnendes und Anziehendes.

Mit einem geschickt aufgegriffenen Thema verstand Doktor Kreuzinger auch die letzten Reste der Mißstimmung zu beseitigen und geriet über Kolbens Einwürfe gegen die Gasträatheorie bald in ein schönes Feuer, wurde beredt und ausführlich. In die faltigen Wangen hinter dem silbrigen Bartgewelle stieg eine sachte Röte, und es dauerte nicht lang, so sprach nur mehr er allein, indes die zwei jüngeren aufmerksam zuhörten und sich in der warmen Glut, die von dem prächtigen Greise ausströmte, seltsam einander näher gerückt fühlten.

Aber nicht immer war diese klare Ruhe bei Hellwig. Noch war ein Großes, Lastendes da, mit dem er fertig werden mußte. Seit jener bei der toten Mutter durchwachten Nacht hatten ihn die Zweifel nicht mehr losgelassen. Und jetzt, da ihn die Prüfungssorgen nicht mehr ablenkten, standen sie wieder übermächtig auf. Und mit ihnen der Vorwurf, daß er seiner Mutter das Sterben schwer gemacht habe.

Oft sprach er darüber mit Heinz.