„Ich mußte ja, gelt, du? Es ging doch nicht anders? Aber wenn, — Heinz, ich such’ und such’ — aber wenn ich einmal draufkomm ... Nicht wahr, du, es ist nichts?“

Und er trug zusammen, was er an Schriften über Religionssysteme und Weltanschauungen auftreiben konnte. An jedes Werk ging er mit Zittern und Zagen, daß er darin vielleicht auf einen Beweis für das Dasein Gottes stoßen könnte und auf die Bestätigung seines Unrechts gegen die Tote. Aber er fand nichts. Der Kult der Azteken, die ihrem Kriegsgott Huizilopochtli ‚Menschen opferten, um glückliche Kriege zu führen und Kriege führten, um solche Menschenopfer herzuschaffen‘, erschien ihm ebenso sinnlos oder berechtigt, wie das papierne Gohei in den Sintotempeln der Japaner, die Apisverehrung der Ägypter oder die Heiligkeit des Hundes bei den Iraniern. Und weder Avesta und Zend, noch Koran, Bibel, Luther und die ganze Reihe der Denker von Spinoza bis Spencer vermochten ihn der Wahrheit irgendwie näher zu bringen.

12.

Die Ferien vergingen im Flug. Hellwigs Abreise stand in wenigen Tagen bevor. Als eine Art Abschiedsfeier wurde ein Ausflug in die weitere Umgebung unternommen. Auch Pichler wurde eingeladen, der die Reifeprüfung mit Auszeichnung bestanden hatte.

In tauiger Morgenfrühe schritt die Gesellschaft durch das noch erhaltene alte Stadttor ins Freie. Voran Wart Nikl mit seiner schönen Frau, hinter ihnen Eva zwischen Kolben und Pichler. Doktor Kreuzinger mit Heinz und Fritz machten den Beschluß.

Durch die Herbstluft segelten die kleinen Spinnen in ihren leichten Silberschiffchen, der Rauch der Erdäpfelfeuer zog über die fahlen Fluren, und in den Stoppelfeldern folgten die Reihen der Jagdliebhaber ihren lohfarbenen Vorstehhunden.

Manchmal blitzte ein Flintenlauf, rundete sich ein Rauchwölkchen, knallte ein Schuß. Ein Hase überschlug sich und schrie, ein Hund heulte auf, ein scharfes Befehlswort verklang. Und wieder war es still, und lautlos glitten die Silberschiffchen, schneller, immer schneller, als wollten sie den Menschen entrinnen und ihrer Tücke gegen die ehrlichen Kreaturen.

An Evas Seite fühlte sich Pichler in seinem Fahrwasser. Hier war er der Schwerenöter, wollte Eindruck machen, zog alle Register seiner wortgewandten Liebenswürdigkeit. Er war witzig, geistreich und gefühlvoll, warf Artigkeiten und Schmeicheleien wie ein Gaukler schimmernde Glaskugeln in die Luft und schwafelte und salbaderte in einem fort.

Eva ließ sich’s gefallen. Sie lachte über seine Mätzchen, schaute ihn belustigt an und fand, daß es sich mit ihm ganz gut plaudern ließ. Manchmal blieb sie auch stehen, wartete auf den Großvater und fragte ihn nach dem Namen eines verspäteten Schmetterlings oder eines klar in blauer Ferne aufsteigenden Berges, tauschte neckende Worte mit Heinz oder ermahnte Hellwig, der hellen Gotteswelt kein so sauertöpfisches Gesicht zu schneiden. Ganz heiß und eifrig war sie, hatte rote Backen und glänzende Augen und überließ die jungen Glieder dem milden Sonnenschein mit einem läßlichen Behagen, das wohlig war und ein wenig sinnlich, wie in einem laulichen Bade.

„Wenn ich Sie ansehe, gnädiges Fräulein, muß ich an Gottfried Keller denken,“ sagte Pichler. Und das Mädchen darauf: „Jemine, wieso denn?“