„Ja, ganz bestimmt. Sie erinnern mich an eine seiner Frauengestalten. Nämlich an die Figura Leu im ‚Landvogt von Greifensee‘. Die hat mir immer ausnehmend gefallen. Warten Sie, wie sagt das nur gleich Keller? Ja: sie war ein elementares Wesen. Ein elementares Wesen, dessen goldblondes Kraushaar sich nur mit äußerster Anstrengung den Modefrisuren anbequemen ließ und dem Perruquier des Hauses täglich den Krieg machte. Sie lebte fast nur vom Tanzen und Springen. So beiläufig heißt es. Und dasselbe gilt auch von Ihnen. Sie sind von demselben entzückenden Übermut. Und diese widerspenstigen Löckchen hier ...“
Er faßte nach dem feinen Gekräusel an ihrer Schläfe. Durch eine hastige Wendung des ganzen Körpers wich sie der Berührung aus. „Sie sind ein Schmeichler!“ sagte sie halb verlegen, halb erfreut.
Da machte Doktor Kolben, der bisher leise pfeifend ein paar Schritte seitwärts von ihr gegangen war, seine erste Bemerkung:
„Herr Pichler hat etwas vergessen, mein kleines Fräulein,“ begann er. Sofort unterbrach sie ihn im hellen Zorn: „Ich bin nicht Ihr kleines Fräulein!“ Ihr Auge sprühte, der Fuß stampfte die Erde. Doch der unausstehliche Mensch fuhr gleichmütig fort: „Das meine nicht, aber doch das kleine. Vorderhand wenigstens. Wir können ja noch wachsen. Das müssen wir eben abwarten. Heute wollte ich nur erwähnen, daß jene Figura Leu, die Herr Pichler an den Haaren herbeigezogen hat, von ihrem Verehrer gemeinhin nur der Hanswurstel genannt wurde. Ob der Vergleich in dieser Hinsicht ebenfalls stimmt, soll dahingestellt bleiben.“
Kolben sagte das, weil er über die junge Schöne ungehalten war, die so mir nichts, dir nichts auf Ottos Plattheiten hineinfiel. Sie würdigte ihn keiner Antwort, klemmte die Unterlippe zwischen die Zähne und zerrte an ihren Fingern, bis die Gelenke knackten.
Pichler versicherte unter vielen Entschuldigungen, seine Worte seien natürlich nicht so aufzufassen, nur die reizende Grazie habe er kennzeichnen wollen, den Glanz der Löckchen ...
„Hören Sie schon auf mit dem dummen Zeug!“ unterbrach da Wart Nikls Tochter den Honigfluß seiner Rede. Nun schwieg er und tat beleidigt.
Kolben hatte ihre letzten Worte nicht mehr vernommen. Angewidert von Pichlers Geschwätz, hatte er sich auf dem Absatz herumgedreht und zu Doktor Kreuzinger begeben.
Dort machte Fritz noch immer sein sauertöpfisches Gesicht. Er blickte nach der frischen Mädchengestalt, an der alles Verheißung war und leise schwellendes Werden, sah ihre anmutigen Bewegungen, den Rhythmus der Glieder beim leichten Schreiten, hörte das klingende Lachen und empfand eine unbestimmte Sehnsucht, wie arme Schelme im Kellergeschoß nach den hohen, luftigen Räumen der Vermöglichen.
Heinz stritt mit dem Großvater über den Zukunftsstaat.