„Herr Doktor!“
„Ich heiße Kolben. Albert Kolben. Das ‚Herr‘ ist überflüssig. Ja, und ... vertrauen Sie mir!“ Ein freundlich aufmunternder Blick der gescheiten Augen begleitete die Bitte.
Fritz erwiderte nichts.
„Vertrauen Sie mir! Es ist nicht zudringliche Neugier oder Unverschämtheit von mir. Nur — ich hab’ mal einen gekannt. Der ist genau so herumgelaufen. Und war schon nahe dran, den Sprung ins große Dunkel zu machen. Sein oder Nichtsein. Ob’s edler im Gemüt ... Hat ihn arg gehabt damals. Zweifel an der Welt, an Gott, an den Menschen, an allem, was man so heilig, ehrwürdig, groß, erhaben, sittlich oder moralisch nennt. Und kein Ausblick. Als wär’ ein Brett vor der Erde gewesen. Soweit hat er gehalten. Und kein Ausblick. Triebleben, Hinvegetieren, zwecklos, stumpfsinnig. Nicht wahr? — Kultur? — Auch die Ameise schafft sich angenehme Lebensbedingungen. — Moral? — Der Pöbel und Moral! Ein Tiger, der Gras frißt! Eher will ich aus Cäsar einen Lakaien machen als dem Pöbel die Gemeinheit abgewöhnen. Also, da hat er gehalten. Na ja denn, ich selber bin’s gewesen. Und da ist einer gekommen, der hat’s gewußt und sich ausgekannt. Hat eine feine Hand gehabt der — Doktor Kreuzinger heißt er —, eine leichte. Und hat mir den Star gestochen. Und hat mich ins Leben hinein gestoßen. So recht mitten hinein ins Leben. Da steh! Laß die Woge kommen und halt stand! Und fürcht’ dich nicht. Und — wirf dich hinein! Brauch’ deine Arme! Schwimm! Es geht schon, es trägt dich schon! — — Und wahrhaftig, es ist gegangen. Es hat mich wirklich getragen. Hätt’s niemals gedacht. — Also, darauf kommt’s an. Klarer Kopf. Helles Auge. Ruhige Hand. Nicht grübeln, Grashalme zählen, Grillen fangen. Arbeiten! Fest arbeiten! Mitten in den Wellen gegen die Wellen. Ein Ziel vor sich und drauflos! Ein Ziel, ja! Aber nicht oben bei den Wolken. Hier, wo du feststehst, auf der Erde unter den Menschen ... Da geh’ drauf und dran! Schulter an Schulter mit den andern. Oder, wenn sie das nicht wollen, lauf allein voraus! Sie folgen schon. Und wenn sie auch das nicht wollen — wenigstens hast du Ruhe!“
Selten ließ der wortkarge, zugeknöpfte Mann jemanden so in sein Inneres schauen. Fritz fühlte das. Und nun konnte er nicht mehr an sich halten. Erst stockend, dann zusammenhängender, leidenschaftlicher redete er sich alles von der Seele herunter, was ihn in letzter Zeit überstürmt und aus der Bahn geworfen hatte.
Kolben unterbrach ihn nicht. Seine dunklen Augen lagen wieder wie verschleiert hinter den goldgeränderten Brillengläsern. Die Spitze des Spazierstocks zeichnete Strich neben Strich in den glatten Waldboden. Endlich war Fritz mit seiner langen Beichte fertig.
„So steh’ ich da!“ knirschte er zwischen den Zähnen. „Und weiß nicht ein und aus. Das Vergangene liegt mir wie ein Stein vor der Zukunft. Ich kann ihn nicht wegwälzen! Er rührt und rührt sich einfach nicht! Die ganze Kraft geht drauf! Ich verbrauch’ mich, werde hin! Von meiner toten Mutter kann mich keiner erlösen!“
Er schwieg mit keuchenden Lungen. Aus den Wipfeln kam das leichte Wehen des Windes wie der Atem der Stille. Kolben erhob sich, trat ganz dicht zu ihm heran.
„Mut, Fritz! Und Geduld! Du — wir werden uns wohl von heut’ an du sagen müssen — du wirst bald drüber weg sein. Jetzt aber — fürs erste — schaun wir, daß wir zu den anderen ins Forsthaus kommen. Abends hältst du dich dann bei mir auf. Vielleicht hab’ ich was für dich.“
In der Nacht, die diesem Tage folgte, schloß Fritz kein Auge. Er suchte nicht einmal den Schlaf, hatte kein Verlangen darnach. Rastlos wanderte er in seiner Kammer auf und ab, mit leuchtenden Augen, breitete die Arme oft weit aus und fühlte sich endlich ganz leicht und frei. Abgefallen war, was ihn bedrückt hatte, fortgetilgt die Unrast, das Suchen nach einem Überirdischen. Glatt und offen lag der Weg in die Zukunft vor ihm.