So vergingen acht Tage, ohne daß Hellwig mit einem Menschen sprach. Pichler hatte gleich nach jener Unterredung Tisch und Bett des armen König mit Beschlag belegt und vermied ängstlich ein Zusammentreffen. Doch hatte er ein Briefchen hinterlassen, worin er sein Benehmen mit den alten Gründen nochmals entschuldigte. Fritz riß es in Fetzen.

Wenn er aber gedacht hatte, daß er durch seine völlige Absonderung Zeit und Lust zum Arbeiten zurückerzwingen werde, so war das ein Irrtum gewesen. Das Lesen der gelehrten Werke mit dem trostlos gleichförmigen lateinischen Druck machte ihm keine Freude, zum Studieren fand er nicht die Sammlung, den Vorträgen der Professoren hörte er nur mit halbem Ohr zu, und es war keiner unter ihnen, der ihn zu fesseln vermocht hätte. Zu beschaulich ging es ihm auf einmal in den Stätten der hohen Wissenschaft her. Alle seine Kräfte waren in brodelndem Aufruhr. Unrast war in ihm und drängende Sehnsucht, mitten im Leben, wo es am gewaltigsten brauste, mitzutun, im offenen Widerstreit Aug’ in Aug’ und Stirn gegen Stirn einem starken Gegner zu trotzen und im Kampfe für die Erhöhung der heute Erniedrigten die Waffen nur siegend oder sterbend aus der Hand zu legen.

Alle Länder widerhallten vom Lärm dieses Kampfes und in den Industriestädten waren die wohlgerüsteten Heerlager. Auch Prag war mit beteiligt, aber der Streiter waren daselbst nur wenige. Die Unzufriedenheit der Massen entlud sich hier im unfruchtbaren, aber bequemeren Nationalitätenhader. Und wo das anders war, da waren Tschechen die Rufer im sozialen Kampf, und Hellwig verstand ihre Sprache nicht. Wohl traten in ihren Zusammenkünften bisweilen auch deutsche Redner auf, aber das geschah nur selten und brachte in die Beratungen stets etwas Fremdes und Feierliches. So fehlte die Brücke des lebendigen Wortes, und er vermochte keine Fühlung mit ihnen zu gewinnen, trotzdem er jetzt häufig ihre Versammlungen besuchte.

Niedergedrückt kam er eines Abends von einer solchen heim. Seine Koffer waren schon gepackt, in zwei Tagen wollte er in die neue Wohnung übersiedeln. Da fand er auf seinem Tisch ein Geldaviso aus Wien und eine Verständigung des Inhalts, daß die Schriftleitung der Freien Blätter seine Abhandlung mit Vergnügen angenommen habe und um weitere Beiträge ersuche.

Aber auch von Kolben war ein Brief eingelaufen. Der Doktor schrieb: „Lieber Fritz! Du scheinst Luft unter die Flügel bekommen zu haben. Es war aber auch höchste Zeit. Jetzt sieh nur zu, daß du nicht wieder den Kurs verlierst, überleg’ nicht lang und komm her nach Wien. Es gibt hier massenhaft für dich zu tun!“

Da ließ Fritz sein Gepäck statt in die neue Wohnung auf den Bahnhof schaffen und fuhr in die Reichshauptstadt.


[Drittes Buch]

1.

Doktor Kolben saß in seinem Arbeitszimmer. Das war ein mäßig großer Raum mit roten Tapeten und dunklen Nußholzmöbeln. Der Schreibtisch stand schwer und massig vor einem großen Fenster, und durch die Fensterscheiben sah man in einen gepflegten Garten mit Hecken, Büschen, grünen Wipfeln und blühenden Rosen. Darinnen ruhte das kleine helle Haus, das dem Doktor gehörte, wie ein weißer Vogel in einem grünen Nest. Still war es hier draußen am Rande der Großstadt, ihr Lärm verbrauste, ehe er bis zu dem anmutigen Tal gelangte, das waldbestandene Hügel umsäumten und schützten. Eine Eisenbahn vermittelte in regem Verkehr die Verbindung mit der Stadt, in kaum zwanzig Minuten war man drinnen, und so hatte man hier alle guten Dinge des Landlebens samt allen Bequemlichkeiten der Großstadt beisammen und konnte sich’s wohl sein lassen.