Dabei rieb er sich die Hände und trat stampfend von einem Fuß auf den andern. Denn es war kalt, und vom Fluß herüber pfiff ein eisiger Wind. Die Sonne war kaum überm Horizont herauf und stand als tiefrote Scheibe hinter einem rauchigen Frostnebel, der zwischen Himmel und Erde düster brodelte. Fritz drückte den Schlapphut fest aufs Haar und ging in der grauen Dämmerung eilig die Uferstraße entlang nach der Stadt, indes der Bindermeister in seiner Werkstatt beim glühenden Ofen schnitzelte und manchmal glucksend in sich hinein lachte. Denn er empfand den Scherz des sonst so ernsten Mieters als beglückende Auszeichnung.

Vor der Redaktionsstube warteten bereits die Vertrauensmänner, Pfannschmidt und fünf andere Bergleute, auf ihren Führer. Die Hände in den Taschen der Winterröcke vergraben, dicke Wolltücher um den Hals und den Rockkragen darüber, standen sie einsilbig beisammen. Als Hellwig zu ihnen trat, rückten sie die Pelzmützen, reichten ihm die Hand und harrten schweigend, bis er die Kanzlei aufgesperrt hatte. Dort war es noch ungemütlich, es roch nach staubigem Papier und Druckerschwärze, im eisernen Ofen brannte kein Feuer, und die Schreibtische, Pulte und Schreine standen langweilig in einem unfreundlichen Halbdunkel. Der Diener hatte sich verspätet, kam nun ganz abgehetzt keuchend gelaufen, heizte ein und wollte abstauben. Fritz schickte ihn fort. Die Zeit drängte, um elf Uhr sollte die Besprechung stattfinden und da gab es noch manches zu beraten.

„Also was?“ fing, als der Bursche gegangen, einer der Männer an. „Also was? Wird heut’ endlich Schluß werden?“

„Kaum!“ versetzte Fritz achselzuckend. „So mürb sind sie noch nicht.“

„Mürb! Mürb!“ knurrte der andere unwirsch. „So nehmen wir doch an, was sie uns bieten! Ich hab’s satt! Gebratene Tauben kriegen wir nicht, drum halten wir den Spatzen fest! Ist besser wie gar nichts!“

„Seid ihr auch der Ansicht?“ fragte Hellwig finster die übrigen. Die starrten stumm vor sich auf den Tisch. Nur Pfannschmidt sagte: „Der Martin raunzt immer so herum. Wenn’s nach seinen Reden gegangen wär’, hätten wir gar nicht anfangen dürfen!“

„Ich sag’, was ich sag’!“ beharrte der andere. „Wenn’s noch ein paar Wochen so fortgeht, und wir verdienen nichts, haben wir so viel verloren, daß wir dann beim höhern Lohn gut zwei Jahre fretten müssen, bis wir den Verlust herein und die Schulden bezahlt haben. Ist’s nicht wahr?“

Von seinen Gefährten nickte einer zustimmend. Die drei anderen schienen unentschlossen. Pfannschmidt wollte etwas erwidern. Da brach auch schon Fritz los:

„Was der Martin sagt, ist zwar eine arge Übertreibung, aber nehmen wir an, es ist so. Gut. Und was weiter? Wenn’s wirklich so ist, wie er sagt? Und wenn’s noch ärger wäre, wenn ihr vier und sechs und zehn Jahre braucht, um den Lohnausfall hereinzubringen. Was weiter? Dürft ihr euch deswegen mit Halbheiten begnügen? Mit einem Erfolg, der keiner ist, nicht Fisch, nicht Fleisch? Da hätten wir gar nicht anfangen dürfen! Jetzt gibt’s einfach kein Biegen mehr! Jetzt muß es brechen — und wenn wir alle dabei zugrunde gehn! Jawohl! Schaut nicht so entsetzt drein! Ihr könnt einfach nicht nachgeben! Könnt nicht, versteht ihr? Denn die einmal aufgestellten und nicht befriedigten Forderungen, die würden fort und fort in euch weiternagen, und ihr hättet keine Ruhe, bis ihr sie früher oder später doch durchsetzt. Und der Kampf, den ihr dann um den Rest führen müßtet, wäre größer und schwerer als der heutige ums Ganze! Das ist es! Und sind die Opfer, die ihr jetzt bringt, wirklich zu groß? Wenn dann euch und mindestens noch euern Kindern, von den Enkeln will ich nicht reden, wenn auch dann ein ruhiges Fortarbeiten bei halbwegs hinreichendem Verdienst sicher ist? Seid mir drum nicht so verzagte Angstmeier! Kleinmütige Kreuzerbettler! Vertraut und seid starr! Unser Sieg ist nur noch eine Frage von Tagen. Er kann einfach nicht ausbleiben! Nur, ihr müßt auch dran glauben!“

Nun hatte er sie wieder fest. Der alte Nörgler wiegte zwar noch unschlüssig den Kopf. Aber auch er sprach nicht mehr dagegen.