Ziemlich zur selben Zeit saßen im großen Sitzungssaale des Palastes, den sich die Grubenbesitzer erbaut hatten, ungefähr fünfzehn Herren um einen grünen Tisch. Hagere Gestalten zumeist, mit schmalen Händen und nervösen Bewegungen, in Gehrock oder Jackett, tadellos nach der letzten Mode gekleidet. Nur einer war dabei, der wollte in die elegante Versammlung gar nicht recht hineinpassen, Max Koppenstein, ein fettes Herrchen mit einer goldenen Kette über dem Spitzbauch. Er hatte eine ganz enge, niedrige Stirn, und daran hing, breit ausgebaucht, mit roten Backen und mächtigem Doppelkinn, das feiste Schlemmergesicht wie ein runder Luftballon. Aus zwinkernden Äuglein hinter weißlichen Wimpern schaute er sehr harmlos in die Welt und war doch der Gefährlichste unter diesen kalten Geldmenschen, unübertroffen in der sanften, zärtlichen Grausamkeit, mit der er seine Angestellten auspumpte und seinen Schuldnern die letzte Habe pfändete. Und wenn er sich manchmal im Bureau in Gegenwart eines Geschäftsfreundes ein Glas ältesten Kognaks einschenkte, dann sagte er wohl zungenschnalzend: „Das ist ein Schnäpschen! Wie das duftet! Hm?“ und hielt dem Zuschauer lobgewärtig das leere Becherchen unter die Nase. Aber einschenken tat er ihm nichts. Doch schadete das seinem Ansehn keineswegs, denn er war steinreich, besaß die meisten und die ergiebigsten Flöze und hatte deswegen auch in der heutigen Versammlung den Ehrenplatz inne, zur Rechten des uniformierten Vertreters der Regierung.
Steif und förmlich, mit herablassenden Mienen und gemachtem Gleichmut, rückten sich die Herren auf den schweren Lederstühlen zurecht, als Hellwig mit seinem Häuflein in den Saal trat. Der Beamte wies ihnen die Plätze an und hielt eine Rede, die dem Geist der Versöhnung, dem friedlichen Zusammenwirken in Eintracht und Brüderlichkeit einen Preishymnus sang. Man solle, sagte er, bedenken, daß noch kein Friede ohne beiderseitiges Entgegenkommen geschlossen worden sei. Man solle dem großherzigen Beispiel der Unternehmer folgen und der Allgemeinheit zuliebe Opfer bringen, die nur scheinbar Opfer seien, denn sie werden sich reichlich bezahlt machen durch das Blühen und Gedeihen des Staates und der Volkswirtschaft, aus welcher Quelle dann hinwiederum allen Bürgern Vorteil fließe.
Und kühl und ruhig, mit ganz leichtem Spott, erwiderte Hellwig darauf:
„Die fünfzehntausend Menschen, die zu vertreten wir die Ehre haben, wollen nicht Großherzigkeit oder Gnade, sondern ihr Recht. Von schönen Worten werden sie nicht satt und ebensowenig von dem großmütigen Angebot. Das Sattwerden aber ist zum Blühen und Gedeihen zumindesten des einzelnen eine so notwendige Sache, daß sie jedes Opferbringen ausschließt. Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Und wer zu essen hat, braucht nicht zu arbeiten, nicht wahr, meine Herren? Jedenfalls haben Sie zu essen. Nun, und die hinter mir stehn, wollen das auch. Sie wollen beileibe nicht so gut, sie wollen nur genug essen. Das ist ein so klares, einfaches und selbstverständliches Verlangen, und ist doch so ernst und fromm, daß sich nichts davon herunterhandeln läßt. Der Versuch zu schachern und zu feilschen ist Ihrer ebenso unwürdig, wie es für uns unwürdig wäre, darauf einzugehen. Wir können kein Jota nachlassen. Sie haben lang genug getrotzt, — geben Sie es auf! Es war ein Irrtum, — gestehen Sie ihn ein! Denn früher oder später müssen Sie doch nachgeben! Tun Sie es heute — und schon morgen wird in allen Gruben wieder gearbeitet!“
Auf ein so stolzes, selbstbewußtes Auftreten waren die Herren nicht gefaßt, hatten vielmehr erwartet, daß ihr Angebot ohne Besinnen werde angenommen werden. Wie Könige waren sie sich vorgekommen, die unverdiente Gnaden austeilen. Jetzt schwiegen sie mit gefalteten Stirnen und undurchdringlichen Mienen. Nur Max Koppenstein zog die Schultern hoch, breitete die Arme aus und sagte: „Ich denke, meine Herrn, darauf kann es nur eine Antwort geben.“ Und zu dem Beamten gewendet, fuhr er fort: „Nun haben Sie sich, verehrtester Herr Ministerialrat, wohl selbst überzeugt, wo die Schuld liegt. Es tut uns ja aufrichtig leid, aber“ — wieder zog er die Schultern hoch und wieder breitete er die Arme aus — „schließlich kann doch kein Mensch verlangen, daß wir uns verbluten sollen.“
So schien der Einigungsversuch gescheitert und der Gegensatz zwischen den beiden Parteien verschärft. Aber es war doch anders. Denn die Regierung bot nach wie vor alles auf, um die Unternehmer zur Annahme der sämtlichen, in keiner Weise übertriebenen Forderungen zu bewegen. Es gelang ihr auch, einen nach dem andern nachgiebig zu stimmen. Aber jeder machte seine Einwilligung von der Bedingung abhängig, daß Max Koppenstein, dem ein reichliches Achtel der gesamten Kohlengruben gehörte, sich ebenfalls anschließe. Der indes war wie ein Aal und ließ sich nicht greifen. Er war sehr höflich, ungemein konziliant, von einer bestrickenden Liebenswürdigkeit. Aber nein sagte er trotzdem. Unter tausend Entschuldigungen, überzuckert und verblümt, aber dennoch: nein.
Nach einigen Tagen wurde ihm vorsichtig und vertraulich die Möglichkeit einer Ordensauszeichnung angedeutet. Da legte er zehn Prozent zu. Und es hätte wohl nicht mehr viel gebraucht, um ihn ganz zu gewinnen. Denn es gab noch höhere Orden und es gab Adelsbriefe.
Da kam ein unerwartetes Ereignis den Arbeitern und der Regierung zu Hilfe.
7.
Die gewaltige Braunkohlenablagerung umfaßte ein Gebiet, das gut fünfzehn Kilometer breit und fast viermal so lang war. Von Urgebirgen eingeschlossen und nur manchmal durch schmale Bänder eruptiven Gesteins unterbrochen, lagen hier die Flöze neben- und übereinander, bald knapp unter der Erdoberfläche, bald Hunderte von Metern tief.