Offene Tagbaue gab es, in deren schwarze Vierecke die Sonne schien und die bloßgelegte Kohle bald da, bald dort an den senkrechten Wänden in Brand setzte, so daß beständig Rauchsäulen emporwirbelten. Und nicht weit davon bohrten sich unterirdische Schachtanlagen dreihundert Meter ins Erdinnere. Und überall qualmte die Lösche, zu Bergen getürmt, auf den Halden, füllte ein brenzlicher, staubgesättigter Dunst die Luft, hing der Rauch wie ein feiner Nebel über den verwüsteten Landstrichen, die nach dem Abbau eines Schachtes zurückgeblieben waren, über den noch üppigen Weizenfeldern daneben und über den — wie lange noch? — lachenden Fluren.

Und mitten in dem Becken lag, zwischen Porphyrhügel eingebettet, weit berühmt durch ihre heilkräftigen Quellen, eine Badestadt. Rund um sie rauchten die Schächte, wurde der Boden von den Bergleuten durchwühlt, die Stollen und Querschächte trieben gleich Gängen riesiger Feldmäuse. Und dicht daneben bahnten sich durch die Spalten des zerklüfteten Porphyrs die warmen Quellen den Weg zur Stadt.

Die Schächte aber waren seit vielen Wochen unbeaufsichtigt. Und niemand wußte, daß in den Gruben Koppensteins seit einigen Tagen, meist zur Nachtzeit, aus der Ferne angeworbene, schlecht geschulte Kreaturen wieder arbeiteten. Der schlaue Fuchs traf seine Vorbereitungen, um nach Beendigung des Streiks — das Ende hing ja nur mehr von ihm ab, und er konnte es herbeiführen, wann es ihm paßte, — um nach Beendigung des Streiks die Lieferungen unverzüglich mit aller Kraft aufnehmen zu können. Die Kohlen blieben vorläufig noch unten in den Schächten — denn die Förderschalen mußten still stehn. Aber schon waren alle Hunde voll beladen. Wo nur ein freies Plätzchen in den Stollen war, türmten sich die Kohlenstücke und konnten nach der Aufnahme des regelmäßigen Betriebes sofort hinaufgeschafft, sortiert und in die Eisenbahnwagen verladen werden. Auf solche Weise hoffte Koppenstein der Konkurrenz einen Vorsprung von einigen Tagen abzugewinnen.

Da geschah es, daß bei diesem Abbau ohne planmäßige Leitung eine Schwimmsandschicht angefahren wurde. Ungeheure Sandmassen gerieten in Bewegung, durchbrachen, einmal in Fluß, die trennenden Schachtwände und stürzten gleich riesigen Lawinen in die Gruben. Und die Erdrinde, unter der sie seit Jahrhunderten ruhig gelegen, wurde mitgerissen von der furchtbaren Gewalt des wandernden Sandes, kam ins Rutschen, Gleiten und brach nieder.

Es war eine laue, regendrohende Febernacht, als die Bewohner der Badestadt durch ein ohrenbetäubendes Gedröhn und Geprassel aus dem Schlaf geschreckt wurden. Der Boden schwankte, Mauern barsten, Häuser wankten, sanken krachend in sich zusammen. Eine ganze breite Straßenzeile, die mit schönen Gebäuden gerade über dem Schwimmsandlager errichtet war, hatte sich gesenkt, zwanzig Häuser waren eingestürzt, viele standen windschief mit gespaltenen Grundpfeilern, geknickten Eisenträgern, verschobenen Dachstühlen und zitterten wie große Tiere.

Tote und Verwundete lagen unter Ziegelschutt, Sparrenwerk und zertrümmertem Hausrat. Aus den Betten gescheuchte Menschen rannten halb nackt durch die dunklen Gassen, fragten, stießen sich, weinten, schrien, heulten und rangen die Hände, ratlos, planlos irrend, von einer entsetzlichen Angst geschüttelt. Und dazwischen tönte das Stöhnen und Brüllen der Verschütteten, das Prasseln der Balken, das Aufschlagen fallender Dächer. Und jedesmal, wenn eine Wand sich neigte, ein Schuttregen niederging, hetzte die Furcht aufs neue in wirbelndem Knäuel die aufgestörten Menschen durcheinander. Gellend schrien sie auf, duckten sich, hielten sich die Ohren zu, prallten aneinander und waren wie von Sinnen. Der Türmer läutete Sturm mit allen Glocken. Auf den Bahnhöfen pfiffen die Lokomotiven in winselnden, langgezogenen, Hilfe heischenden Klagelauten. Und die Finsternis stand unbeweglich und schlang alle Tonwellen mit dunkel gähnendem nimmersatten Rachen.

Endlich kam Hilfe. Ärzte, Rettungsmannschaften, Feuerwehren. Besonnene Männer nahmen die Leitung in die Hand. Aus den Nachbarstädten trafen in mehreren Eisenbahnzügen Verstärkungen ein. Die nervenzersetzende Angst wich, der panische Schrecken machte einer verzweifelten Entschlossenheit Platz. Hunderte und Hunderte regten sich im Schein der flackernden Windlichter, handhabten Schaufel und Spaten, trugen die Verwundeten zum Verbandsplatz, schleppten Möbel aus bedrohten Gebäuden.

Vor den Schächten aber hatten sich die Bergleute gesammelt. Freiwillig waren sie gekommen, im Arbeitskittel, mit Lederschurz und Grubenlampe. Ohne Besinnen, als ein ganz Selbstverständliches, boten sie ihre Hilfe, ihr Leben an, machten sich zur Einfahrt fertig. Die eingerosteten Ketten der Förderschalen ächzten schrill, langsam begannen sich die Räder zu drehen, schnurrten die Seile.

„Glückauf!“

„„Glückauf!““