Und unter der Führung einiger Ingenieure ging es in die feindliche Tiefe, der Gefahr zu Leibe, um nachzuforschen, einzudämmen, abzulenken, Tote zu bergen, und die Schächte vor dem Ersaufen zu bewahren.

Aber noch ein anderes war geschehen.

Durch die ungeheure Erschütterung im Innern der Erde war auch eine der dünnen Wände gesprengt worden, die die weit vorgetriebenen Stollen von den Quellspalten trennten. Die Thermalwasser waren in die Grubenbaue eingedrungen, breiteten sich darin aus, und im gleichen Maße, wie sie in den Schächten stiegen, fielen sie in ihrem früheren Staubecken, bis sie nach dem Gesetz kommunizierender Gefäße hier wie dort mit gleich hohem Spiegel standen, in ersoffenen Schächten einerseits und anderseits so tief unter den Badehäusern, daß die Leitungsröhren nicht mehr bis zum Wasserspiegel reichten. Die heilkräftigen Quellen, der Ruhm und Stolz der Stadt, drohten zu versiegen.

Jetzt freilich wurde eine strenge Untersuchung eingeleitet. Sie enthüllte Ungeheuerliches. Unter dem Eindruck desselben nahmen die Gewerken alle Forderungen ihrer Arbeiter in Bausch und Bogen an, um wenigstens einen Feind vom Hals zu haben und nicht zwischen zwei Feuer zu geraten. Sie hofften auch, daß die Regierung, dadurch zur Milde gestimmt, Gnade für Recht üben und ein Vertuschen der Verbrechen ermöglichen würde. Auch an Hellwig traten sie heran, baten ihn und boten als Anzeigengelder große Bestechungssummen, wenn er die Angelegenheit in seiner Zeitung totschweige. Er wies ihren Vertretern die Tür. Und brachte Artikel nach Artikel, sachlich, trocken, auf Grund amtlicher Feststellungen.

Die Bergwerksinspektoren hatten bisher die Aufsicht nur lax oder gar nicht ausgeübt. So war es möglich geworden, daß sich die Unternehmer seit Jahrzehnten über alle Sicherheitsvorschriften wegsetzen konnten. Am ärgsten schaute es in den Koppensteinschen Gruben aus. Die lagen in der Nähe der Heilquellen und zu beiden Seiten der Eisenbahn. Dort durfte die Kohle nicht abgegraben werden, sollten Stützen, Wände und Pfeiler stehen bleiben zum Schutz der Quellen und der Bahn. So stand es in der Vorschrift. Aber in Wirklichkeit war die Kohle doch abgegraben, und die Pfeiler, Wände und Stützen waren kaum halb so dick, wie es das Gesetz verlangte. Und unter dem Bahnkörper liefen Stollen weg und Gänge. Und darüber, auf der dünnen Rinde, keuchten Tag und Nacht ohne Pause die schweren Lastzüge, donnerten die Eilzüge mit den Kurgästen.

Als durch Hellwigs Zeitung diese Dinge bekannt wurden, ging der übliche Entrüstungssturm durch die Presse. Noch nie hatte ein Provinzblatt solchen Aufruhr erregt. Auch die Blätter des Auslandes rauschten mit. Sie brachten Abbildungen und ergingen sich in schauerlichen Schilderungen der Unfälle, die möglich gewesen wären. Erzählten von kranken Menschen, die voll Hoffnung den Bädern entgegeneilten und nicht wußten, daß der Weg dahin über bereitete Gräber führte. Auch der Reiter über den Bodensee wurde vielfach zitiert. Und man war darüber einig, daß die Inspektoren ihre Pflicht in unverantwortlicher Weise verabsäumt hatten.

Nun wurden Beamte in Massen versetzt, gemaßregelt, entlassen. Koppenstein aber war zugrunde gerichtet. Auf seine Kosten sollten die Hohlräume unter den Schienen ausgefüllt, die schwachen Pfeiler und Schutzwände durch Mauerwerk gesichert, sollte, um die Heilquellen in ihre früheren Wege zurückzudrängen, die Verbindung zwischen den Quellspalten und Gruben durch Dämme und Betonfüllungen gestopft werden. Und die Bahn forderte Ersatz für die unter ihrem Grundeigentum gewonnenen Kohlen, und die Stadtgemeinde, die Besitzer der eingestürzten Häuser, die Hinterbliebenen der Getöteten und die Verletzten stellten ebenfalls Ersatzansprüche. Und überdies drohte ein Strafprozeß wegen fahrlässiger Gefährdung von Menschen, Beschädigung fremden Eigentums, wegen Diebstahls und einer Menge anderer Verbrechen. Das ertrug Koppenstein nicht. Aus dem Gefängnis hätte er sich vielleicht nicht viel gemacht, aber daß die rastlos angehäuften Reichtümer mit einem Schlag in alle Winde zerstieben sollten, das warf ihn nieder. In der Marmorwanne seines Badezimmers öffnete er sich die Pulsadern und verblutete.

Seine Verwandten richteten ihm ein Begräbnis erster Klasse mit jeglichem Pomp. Viele folgten dem sechsspännigen Leichenwagen. In den Augen seiner Standesgenossen war er entsühnt.

Glimpflicher kamen die andern Grubenbesitzer weg. Aber fast keiner war ganz frei von Raubbau und Unterlassungssünden. Da wurden die stolzen Herren gar klein. Auf einmal konnten sie geschmeidig den Rücken beugen, sich entschuldigen, um Gnade betteln. Die Arbeiterfrage war vollständig in den Hintergrund gedrängt. Willig zahlte man die höheren Löhne, suchte alles zu vermeiden, was die Öffentlichkeit noch mehr aufbringen konnte. Aber es dauerte noch geraume Zeit, bis die Anordnungen der Behörden durchgeführt waren und der Skandal halbwegs in Vergessenheit kam.

Jetzt endlich konnte Hellwig aufatmen. Die Kämpfe gegen die Lotterwirtschaft hatten mit ihren schlaflosen Nächten und furchtbaren Aufregungen seinen widerstandsfähigen Körper doch stark mitgenommen. Es war sein Verdienst, daß der Augiasstall gründlich gesäubert wurde. Er war der Herold gewesen, der Rufer im Streit, hatte die anderen wachgerüttelt und rücksichtslos alles aufgedeckt, was sonst vielleicht nur entstellt oder gar nicht in die Öffentlichkeit gedrungen wäre. Als hierauf das große Rauschen der Blätter anhob, schwieg er. Zu stolz, um zu jubeln oder den Besiegten zu höhnen, schwieg er und überließ anderen die Ausnützung des erfochtenen Sieges.