Jetzt war er wieder viel zu Hause, saß beim Fenster und blickte über den Strom hinüber zu den waldigen Bergen, wo schon die Blütenkätzchen aus den Zweigen brachen und die ersten Spitzen des jungen Grüns. Eine leise Schwermut war in ihm, eine gärende Sehnsucht, die nicht Wunsch werden wollte. Wieder war ihm, als müßte er etwas suchen, und wußte doch nicht was. Fühlte er den Drang zum Schaffen, das Verlangen nach irgendeiner befreienden Tat, fand aber weder Umriß noch Plan.

Es war bald recht still um ihn geworden. Selten besuchte ihn jemand. Sie waren ihm dankbar, sprachen mit anerkennenden Worten von seiner energischen Führung. Aber da sie ihn nicht mehr brauchten, hatten sie keinen Anlaß, zu ihm zu gehen. Nur Pfannschmidt kam regelmäßig. Der arbeitete nicht mehr im Schacht. Hellwig hatte sich an die Parteileitung wegen Beigabe einer Hilfskraft gewendet und den Bergmann in Vorschlag gebracht. Das war genehmigt worden, und so saß Pfannschmidt nunmehr in der Schriftleitung, besorgte die laufenden Geschäfte und fühlte sich endlich auf einem richtigen Platz.

8.

Es war bereits Frühling geworden, als Fritz eines Tages die Nachricht erhielt, daß Doktor Kreuzinger gestorben sei. Da fuhr er mit dem nächsten Zuge nach Neuberg. Seit sechs Jahren war er nicht mehr dort gewesen. Und was lag alles dazwischen. Erst als ein Vorkämpfer des Deutschtums von den Studenten gepriesen, dann als Verräter und Feigling in Acht und Bann getan, von allen Leuten als Verkommener und Verlorener abgeurteilt, kehrte er jetzt wie ein Sieger zurück. Der Streik hatte seinen Namen überall bekannt gemacht. Auch die klerikalsten Neuberger waren stolz, daß ein Kind ihrer Stadt so was hatte leisten können. Und kaum daß er vom Bahnhof ins Städtchen kam, sprach ihn jeder, der ihn noch erkannte, mit grüßenden Worten an, wollte ihm die Hand drücken, fragte, ob er sich noch seiner erinnern könne. Sein Name war aber auch monatelang täglich in allen Wirtshäusern genannt worden. Sogar Professor Hermann hatte voll Genugtuung erklärt, daß Fritz Hellwig sein Schüler und wie begabt er gewesen sei. Und nur Pater Romanus hatte dann immer säuerlich-süß den Mund verzogen und ein paar Worte fallen lassen vom Hochmut, der vor dem Fall kommt. —

Doktor Kreuzinger hatte einen wunderschönen Tod gehabt. An einem warmen Frühlingsmorgen war er auf seiner Gartenbank eingeschlafen, das neueste Werk eines berühmten Forschers mit dessen eigenhändiger Widmung auf den Knien. Die Vögel sangen über ihm im Buchenbaum, die Sonne streichelte sein weißbärtiges Antlitz. Und als sie ihn so fanden, glaubten sie, er lächle aus einem schönen Traum heraus. Nun lag er zwischen seinen Sammlungen aufgebahrt und sollte nach Gotha zur Feuerbestattung gebracht werden. Heinz und Kolben, Fritz und Wart Nikl trugen die Bahre zum Bahnhof. Priester war keiner zugegen. Und nur wenige Freunde folgten dem Sarge des als gottlos Bekannten. Denn die Stadt war ganz in den Klauen des Klerikalismus und es gehörte Mut dazu, sich diesem unduldsamen Riesen entgegenzustellen.

Und über den Toten weg ging das starke Leben unbekümmert weiter.

Eva, der kleine Backfisch von einst, war groß und reif und frauenhaft geworden. Die Trauer um den Großvater lag über ihrem Frohsinn wie der weiche Flaum auf der Schale einer schönen Frucht. Aber die schlanken Glieder regten sich wie unter unerwünschten Fesselbändern, und hinter den ernsten Mienen drängte verhalten die Daseinsfreude zum Durchbruch. So stand sie im Garten vor Fritz, am Tag nach dem Begräbnis, und mühte sich ruhig zu erscheinen, während ihm ihre ganze Jugend entgegenzitterte. Gleichgültige Dinge redete sie, und hätte ihm doch am liebsten zugerufen: „Steh nicht so hölzern da! Nimm mich in deine Arme! Dort gehör’ ich hin, ich bin ja dein ...“

„Haben Sie wirklich nicht an mich gedacht? Die ganze Zeit her nicht? Nicht einen einzigen Gruß hatte mir Heinz zu melden!“

Er blickte ihr in die schimmernden Augen.

„Aber von Ihnen hat er mir einmal einen Gruß ausgerichtet,“ sagte er langsam. Sie wurde rot. Er fuhr fort: „Ich dank’ Ihnen heute dafür. Und wenn ich es nicht durch Heinz hab’ besorgen lassen ...“ Er stockte und wollte hinzufügen: „Sie sind mir zu gut dafür.“ Aber das brachte er nicht über die Lippen, sondern meinte nur: „Was hätten Sie auch davon gehabt?“