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Amerikanisches Copyright 1915 by Ullstein & Co, Berlin.

»Geordnet Leben, ehelich Leben macht Stalltiere, die in der freien Wildnis und im Losbruch aller Kräfte zugrunde gehen. Raub und Einbruch: das ist ein unentbehrlich Stück Mann!«

Jetzt hatte er's. Wahr' dich, Wildling; wahr' dich, Tikosch Gabor! Unten auf der Erde brüllte es, um ihn jaulten und sausten die Kugeln, und er flog um Leben und Tod! Der Motor gab her, was er konnte, und sein tiefes Donnern übergrollte das Knattern der Flintenschüsse da unten. Nur wenn eine Kugel Metall faßte oder an die Versteifungsdrähte streifte, da biß sich ihr hohes Wimmern durch das Geratter der Maschine. Der Wind sauste nicht so schneidend durch die Drähte als dieses Jammern der Geschosse, die blutdürstig aufschrien, wenn sie vorbeigingen. Wie das hundertfache Juchzen betrunkener Sennbuben mochte es in einem fort gehen. Uii, wiiiiu! Aber Tikosch Gabor hörte es nicht. Der Motor donnerte tief und metallen; und Tikosch flog wie im Fieber. Er wußte nicht, war er verwundet, lebte er überhaupt? Das Blut brauste ihm und rollte in eins zusammen mit dem knatternden Rasen seines Flugzeugs.

Das war ein Dahinstürmen durch die kugelzerrissene Luft! Bei Mehadia war er aufgeflogen. Alle Mädels hatten ihm »Eljen« nachgeschrien und mit hundert bunten Fahnen gewinkt; die ganze Erde schien voll junger Verliebtheit, und Tikosch hätte von jeder Küsse haben können, so viel er nur wollte. In dieser Zeit waren ja alle Mädels zerlöst und verloren, wenn sie einen von den Soldaten sahen, die sterben gingen. Aber er hatte nur eine einzige im Sinne, und die mochte ihn nicht. Da hatte er sich's erbeten, an der Donau hin über serbisches Gebiet fliegen zu dürfen, um alles unter seine Bomben zu nehmen, was der Mühe wert war, Wacht- und Zollhaus von Kladowa, Bordoli, Brzapalanka, und dann, als allerbestes, die Negotiner Eisenbahn, bis zum wichtigen Knotenpunkte ob Zajetschar samt der Brücke, die bei Vrazograci über den Timok ging. Zwei Straßen- und eine Eisenbahnbrücke waren dort nahe beisammen; knallte es dort, so war der fruchtbarste Teil des Serbenlandes abgesperrt und Wein und Korn in Menge kaputt für die Zufuhr zum Feindesheer!

Nun war er schon über hundert Kilometer geflogen und hatte überall Feuer bekommen. Mit wilder Frechheit war er über den Militärstationen bis auf dreihundert Meter hinuntergegangen, um seine Knallerbsen hinabzuwerfen. Hatten sie gewirkt? Er wußte nicht viel davon, denn ihr Aufschlag unten erstickte in dem rasenden Knattern seines Motors und der Mausergewehre.

Durch die Tragflächen sah er die blaue Luft wie durch ein Sieb, und Leib und Steuer des Flugzeuges waren durchlöchert. Er allein noch nicht! Wenigstens fühlte er nichts am Körper und nichts im Hirn als ein Fiebern, ein dunkles: Weiter, weiter, und das Äußerste gewagt! Dumpf fühlte er die heulende Wut derer dort unten auf der Erde: über den siegreichen Raubvogel, der er noch war. Die Stimmen überschlugen sich vor weinendem Ingrimm, er aber schwamm wieder in die Höhen, schraubte sich empor wie ein Bussard zum dunklen Sommerhimmel und fuhr hoch über allen Kugeln in blendendem Sonnenglaste dahin. Nur nach Negotin kommen; das andere war gleich! Die Donau war sein Wegweiser. Ungeheuer breit, gelb und träge zog sie ihre zähe Straße. Jenseits das flache Rumänenland, Auen, Sümpfe, das weißliche Graugrün der Weiden, ganz stumpf und wie verstaubt; am diesseitigen Ufer jammervolle Lehmhöhen, immer gleich niedrig längs dem Strome hinkriechend, elende Dörfer, trostlose Wachhäuser, menschenunwürdige Lehmhöhlen, echt slawische Trostlosigkeit. Es war wenig Freude, hier seine Visitkarten abzuwerfen. Aber da kam Prahovo und mit ihm die Bahn. Und die Höhen, jetzt wurden sie anders! Wunderbar grünend schwang sich der Auslauf der wilden Golobinje Planina gegen die Donau, diese schwenkte links ab, und Tikosch flog donnernd über dem halbverwüsteten, aber immer noch reichen Rebenlande dahin. Rechts die Weingebirge, links und vor ihm die Sümpfe: Negotin!

Und da war's, wo es ganz böse wurde. Er war der kleinen Brücke ganz nahe gekommen, die über das versumpfte Flüßchen im Süden der Stadt führte, und ein wahres Feuerwerk von Geschossen heulte zu ihm empor. Bedächtig warf er eine Bombe, dann noch eine; die Brücke unten riß sich auf. Menschen liefen zusammen, heulten und schossen, andere flüchteten, in Haufen, kreuz und quer über das Feld wie Hasen; ziellos, kopflos. Er sah alles unter sich, sah, wie die weißen Tauben von allen Dächern aufstoben und durcheinander schwärmten, wie die Rebhühner aufstanden und die Hunde wie toll rannten und jafften; und wie im Traum warf er die dritte Bombe da hinunter in all die Angst und Wut hinein. Da wimmerte das Drahtgetäu hell auf. Eine Versteifung war zerschossen; der wirbelnde Propeller schmiß lange Holzsplitter im Kreise herum, der Motor klatschte ein paarmal. Dann schlug es leicht und beinahe fühllos gegen seine Hüfte, und heiß kam es an seinem linken Bein heruntergelaufen; kreuz Teufel, nun war er angeschossen worden. Wird's was Böses sein? Weh tat's nicht, aber es hieß ausreißen; hoch in die sichere Abendbläue hinauf.