Er riß das Steuer steil aufwärts, zu steil im ersten Schreck, und der Monoplan überschlug sich. Heulender Jubel kam von der Erde, aber der wilde Flieger ließ das Steuer nicht los. Wie zum Hohn für die dort unten gelang ihm, halb aus Zufall, ein Saltomortale in den Lüften à la Pégoud, dann drängte er flacher hinauf. Ein tausendstimmiger Wutschrei hallte ihm lange, lange in seine Adlerhöhen nach, er aber kreiste immer höher und höher, und bald sangen die Kugeln nicht mehr. Beinahe friedlich sah die Erde aus, wie eine Landkarte, und jetzt hielt er die scheuenden Pferde einen Augenblick für Hasen und die Menschen, die mit roten Gesichtern zu ihm hinaufstarrten, für Truthühner, so hoch war er schon. Bald sah er einzelne Menschen nicht mehr, und jetzt nahm er Kurs gegen Norden.
Was tun? Untersuchen konnte er seine Wunde nicht. War eine Ader zerschossen, nun, dann wurde er schwächer und schwächer und fiel wie ein todwunder Vogel aus der Luft. Er dachte all das ganz ruhig und wenig erschrocken durch. Niedergehen konnte er nicht; hier nicht. Sie hätten ihn mit toller Wonne in Stücke gerissen da unten. Aber hinüber nach Rumänien? Und kriegsgefangen, entwaffnet, der schöne Taubeflieger fremde Prise? Er hatte doch sterben oder durchsetzen wollen, was er sich vorgenommen; die Vrazogracer Brücke, die er sprengen wollte, hatte er gar nicht erreicht. Später einmal; jetzt mußte er zusehen, wie er wieder nach Ungarn hinüberkam. Und verzweifelt hielt er das Steuer fest: gegen Nordwesten.
Wie eine Barre lag die in Abendglut brennende, kühle Planina zwischen ihm und dem Ziel; tief unten dunkelten die Wälder, näher an ihm glühten die karstigen Gipfel. Es waren die Berge um den Lukapaß, wohl zwölfhundert Meter hoch und mehr, und da mußte er drüber. Er zwang sich, nicht an das heiße Rieseln da unten, an seiner Hüfte, zu denken, und lenkte seine Taube höher empor. Recht hoch, denn mit dem Motor war etwas nicht in Ordnung; er hörte es mit klammem Herzen. Nur das jetzt nicht; das war ein Tod, schlimmer als der des Wolfes unter Hundezähnen. Wenigstens empor, empor mußte das Flugzeug, und wenn's siebentausend Meter waren, damit er Luft, eine ganze, lange, schräge Luftbahn bis nach Österreich und über die Donau unter den Schwingen hatte, wenn die Maschine aussetzte und er gezwungen war, in langsamem, sparsamem Gleiten niederzugehen! Wie weit er kommen würde? Er rechnete gar nicht, er biß bloß die Zähne zusammen wie ein Verzweifelter. Nur Wut war in ihm, Angst noch nicht — noch nicht. Aber wenn der Motor versagte? O, dies wunde, rote, grimmig brennende Abendlicht!
Will denn der Tag kein Ende nehmen? Wenn er niedergehen muß, und sie sehen ihn, dann ist es um ihn geschehen. In der tiefsten Einsamkeit der waldigen Planina finden ihn die Tollgewordenen und hetzen ihn mit Hunden, bis er sich stellt! Tikosch Gabor läßt die eine Hand frei, tastet nach der Wunde und dann nach seinem großen Kriegsbrowning; eine Neunmillimeterkugel wird wohl für ihn genügen. Aber die letzte wird es sein; alle andern müssen in Feindesleiber schlagen!
Und der Motor wird launenhafter und störrischer, Zündungen setzen aus, Vollgas nimmt er nicht mehr, und Tikosch muß drosseln. Da erholt sich der Motor; aber mit der jetzigen Tourenzahl kann er wenig Höhe mehr gewinnen. Tikosch starrt mit glasgewordenen Augen auf das Barometer. Das steht, steigt wohl auch ein wenig. Also geht es doch bergab: Teufel, es geht bergab!
Unten wird das Gebirge wilder und einsamer; die Dörfer haben aufgehört; nur in der Scharte, in der Luka, da ducken sich Häuser, und man sieht ihn, man sieht ihn sicherlich hier oben. Wäre nur die Nacht schon da, die gesegnete, verhehlende Nacht der Verfolgten, der Diebe und der Wundgeschossenen, die sich verkriechen möchten! Der Abend wird weit und violett, aber Nacht ist es noch nicht. In unverständlicher Größe und seliger Langsamkeit verdämmert das Land wie immer, und er, er fliegt in einem kranken Apparate um sein Leben!
Da, östlich von der Luka, ist die Planina gänzlich einsam und rauh. Die Buchen, die Eichen, die Edelkastanien kriechen nicht eben hoch aus den steilen Tälern empor, dann kommt Fichtendickicht und dann die karstige Höhe der Hirten und der Ziegen. Auch die werden ihn sehen, die Hirten; auch die sind Hatzhunde für ihn, und er ist allein über Feindesland. Bald muß er hinunter.
Und der Motor zögert und zögert immer mehr.
Da ändert Tikosch Gabor seinen Entschluß. Vorwärts kommt er nicht mehr weit. Nach Ungarn und über die Donau sind es freilich nur mehr fünfzig Kilometer; wenn er sich nicht verflogen hat und wenn es ihm gelingt, das weit nach Serbien einschneidende Donauknie von Milanowatsch zu finden. Aber geht er nur ein wenig rechts oder links daran vorbei, so kann es viel weiter werden, und sein Motor hält vielleicht keine zehn Kilometer aus; wenn er fünfzig in der Stunde fliegt, krank, wie er ist, so wär's noch ein Glück. Also wunderbarenfalls noch eine Stunde bis Ungarn! Das aber geht nicht mehr an. Er fliegt also mit gedrosseltem Motor, immer sinkend, über die Golobinje Planina, dort, wo sie am ödesten ist und ihn wenige sehen. Dann wird er sich immer links halten, soweit die Planina unbewohnt und wild ist, bis zum Veliki Krisch hin, wenn es geht.
Geht? So lange nur kann er fliegen, als sein Apparat über der Kammhöhe der höchsten Gipfel bleibt; die im Süden haben ihn dann aufgegeben und glauben, er sei schon nach Österreich hinüber. Ist er aber bis auf dritthalbtausend herabgesunken, dann muß er schwenken, die Planina wieder südwärts überfliegen und, auf die Dämmerung trauend, knapp über den Kamm streichen wie ein Sperber, der Sperlinge vom Boden weghaschen will, und sofort hinter dem Kamm niedergehen, wo es am höchsten, einsamsten und ödesten ist. Er hat früher hoch oben, zwischen Luka und Krivelj mußte es sein, einen Jungfichtenhorst gesehen, wahrscheinlich eine Neuaufforstung in einer Staatsdomäne. Nun, in jetziger Zeit ist die Försterei einberufen, und es wird dort einsam sein. Sein Flugzeug soll in die Schonung hineinfahren, wo sie am dichtesten ist; da findet es nicht so bald einer.