Und er, er wird dann in der erbarmungslosen Öde dieser verlassenen Höhen verrecken wie ein wundes Tier. Oder sich ausheilen? Auf eigene Faust dort oben sein Leben ertrotzen wie ein Mann und Räuber der Urzeit? Es zuckt in ihm vor Hoffnung. — Und der Motor versagt gänzlich.
Da wendet er im düsteren Halbdämmern das kraftlose, stillgewordene Fahrzeug gegen die verdunkelnden Wälder hinab; in weitem Bogen geht es gegen Süden. Das da unten wird Plavna sein und das Crnajika. Sie scheinen ihn dort in ihrer Kriegsbekümmernis und ihrem Abendfrieden nicht bemerkt zu haben, oder der schweigende Motor täuscht ihnen einen der vielen Adler dieser ungastlichen Höhen vor. Wer fände auch sonst ein Vergnügen, jetzt, bei einbrechender Nacht, Kreise zu ziehen über der Planina, dort, wo sie am rauhesten und fernsten ist?
Nun senkt er sich über den Kamm hin. Keine zwanzig Meter über dem Boden schießt das Flugzeug des Verzweifelten über die Wasserscheide; dann hat es wieder Luft unter sich: Abgrund.
Tikosch sucht nach der großen Fichtenschonung; er hat sich den Rückwechsel genau gemerkt und findet das dunkle Wirrsal der hunderttausend schwarzgrünen Bäumchen sogleich. Nun gleitet er nahe an der Erde hin. Gott erhalte, jetzt gilt es. Einer dieser sperrigen Wipfel kann höher und stärker sein, als er abschätzte, und dann überschlägt er sich oder wird gepfählt. Aber es muß, es muß! Und mit zusammengebissenen Zähnen saust er hinein in das krause, grüne Sträuben und Schnellen der Äste und Wipfel.
Das Flugzeug neigt sich, bohrt sich krachend weiter, senkt sich abwärts, eine der Tragflächen knarrt, knirscht, knickt tief ein, aber schon ist der ganze Aeroplan im Netze der Bäumchen, die nur zwei Klafter hoch sind, gefangen. Schwer atmend klettert Tikosch heraus und würgt sich in das unermeßliche Dickicht hinein. Das war auf Leben und Tod gegangen. Und er wirft sich auf die Erde und möchte am liebsten haben, alles wäre schon zu Ende, wie seine Kräfte es sind.
Eine Weile brüten unsagbare Dumpfheit und Gleichgültigkeit in ihm. Gerettet? Ha, was: jetzt geht erst die Hetze hinter dem gehaßten, flügellahmen Geier her! Und er ist schwach und verwundet. Ja: die Wunde. Er öffnet seine Kleider und sieht die linke Seite an; dann lacht er leise und grimmig. Gleich neben der Niere kam der Schuß von unten, und über dem Beckenknochen fuhr er wieder heraus, ganz nahe unter der Haut; die beiden glatten Schußöffnungen liegen keine drei Zoll voneinander. Aber nur ein wenig weiter nach hinten, und der wahnwitzige, betäubende Schmerz eines Nierenschusses hätte ihn entnervt. Ein wenig weiter abwärts, und der Beckenknochen wäre zersprengt! Nun war's nur das dicke Lendenfleisch, von großen Adern ist keine mitgenommen, und die Wunde klebt schon fest am Hemd. Er will sie nur oberflächlich reinigen; sie ist ja schon halb verharscht.
Und dann kniete der wildeste Leutnant des Ungarlandes, Tikosch Gabor, im Fichtengewirre nieder und betete zu einem Gotte, von dem er lange, lange nichts gewußt und dessen Namen er nur in den tollen Flüchen seines Landes zerfrevelt hatte.
Die Wunde an der Hüfte machte ihn steif und unbehilflich, als er aufstand, um sich für die einbrechende Nacht zu sichern. Er wollte gleich das Flugzeug, das ihn verraten konnte, zerlegen und mit den ihm brauchbaren Teilen einen andern Ort des Waldgebirges am Stol aufsuchen, in dem er Schutz gefunden hatte. Es schien ihm, als sei er zu nahe am Weiler niedergegangen, der an der Straße lag da unten, wo sie sich in weltfremder Einsamkeit durch die Luka zwängte. Aber es war ihm kaum möglich, zu seinem Führersitze zu gelangen, den man buchstäblich erklettern mußte, weil er einige Meter hoch in den Bäumen lag. Er vermochte nur mehr, seinen Schlafsack hervorzuzerren; den breitete er dicht unter den Tragflächen seiner Maschine aus, schob sich hinein und schlief auch schon, kaum daß er sich zugedeckt hatte.
Am andern Morgen weckte ihn der schaurige Hauch, der vor Tau und Tag über die Wälder kommt und Mark und Bein durchfröstelt. In Unbehagen und Schreck fuhr er empor und wußte sogleich, daß er hier oben in den Wäldern mitten im Feindesland war, ausgeliefert und schußfrei wie der Wolf der Höhen! Der Durst quälte ihn, und er hatte kaum mehr ein Restchen Tee in der Nickelflasche. Dazu schmerzte die Wunde, und nur leise stöhnend vermochte er sich zu bewegen. Fieber, Fieber!
Einen Augenblick war er im düsteren Schweigen, das noch über den tiefgrauen Dickungen lag und keinen Vogellaut emporließ, kleinmütig und überlegte, ob er sich nicht selber dem Feinde stellen solle; es sei ja nun alles gleich! Aber als der Himmel rot wurde und alles um ihn her immer heiliger und anbetungsvoller aussah, als die ersten Drosseln jubelten und in der Luft ein heller Falkenruf klirrte, da trotzte er sich wieder auf. Mit Anstrengung all seiner Willenskräfte überwand er den Schmerz und die Fieberschwäche und kletterte zu seinem Flugzeug empor. Er war doch ausgerüstet, und zum Verzweifeln war noch kein Grund, solange sie ihn nicht entdeckten. Die paar Hirten und Bauern, die sein Niedergehen gesehen haben konnten, waren wohl zu träge und furchtsam, um auf eigene Faust nach ihm zu suchen, und bis die Anzeige bei den nächsten Behörden Maßregeln erweckte, vergingen zwei Tage. Also hieß es arbeiten!