Er hatte die lederne Tasche mit allem nötigen Werkzeug rechter Hand vom Führersitz gehabt. Wo war sie nur jetzt? Ein wilder, hitziger Schreck durchflutete ihn. Ah, sie wird heruntergefallen sein, als der Aeroplan sich neigte. Nun hieß es abermals herabklettern und in dem Gewucher des Dickichts suchen. Das Blinken des kleinen Hammers, der aus der sich öffnenden Tasche gefallen war, verriet ihm endlich, daß er gerettet war. Ohne Werkzeug allein in dieser Wildnis, das wäre schlimm gewesen.

Durch das Suchen und Klettern war er warm und biegsamer geworden. Er begann jetzt, die versteifenden Drähte an den Tragflächen zu durchfeilen und abzuzwicken, bis die Flächen nachgaben. Es hieß achtgeben. Immer mehr und mehr neigte sich der Apparat, und wenn er jäh zu Boden stürzte, so riß er ihn aus seinem Bäumchen mit. Auch ein Sturz von einer Klafter Höhe konnte jetzt verhängnisvoll werden. Endlich rollte sich die eine Fläche zusammen, und dumpf krachend stürzte der Leib des Flugzeugs, Propeller voran, zu Boden. Das Holz der Flügelschraube zersplitterte, tief grub sich der wuchtige Motor in den Boden ein. Nun war es ein leichtes, auch die andere Tragfläche, die wie ein Segel in die Höhe ragte, abzumontieren und nach und nach Steuer, Gestänge, Räder herunterzunehmen. Ein toller Durst hielt ihn endlich von der Arbeit, bei der ihm der Schweiß herunterströmte, ab, und er kroch in allen Lichtungen umher, um von den Gräsern und Farnen den reichlich gefallenen Tau zu saugen. Diese langsame und spärliche Art der Wasseraufnahme hatte das Gute, daß er sich nicht überfüllte und doch nach und nach seine rasende Gier verlor.

Endlich ging er wieder an seine Arbeit. Der Leib des Flugzeugs war das am schwersten zu Bergende, und er mußte die Nieten durchstemmen, welche die Schale aus Aluminium zusammenhielten, die ihn bisher geschützt hatte. Dann nahm er den kleinen Lienemannschen Feldspaten, das unersetzlichste seiner Stücke in dieser Lage, weil es ihm Beil, Säge, Schaufel und Bratpfanne hergab, und grub unter den dicksten der kleinen Fichten ein Loch, in das er den Motor wälzte. Der hatte einen Zylindersprung! Unglaublich, wie das noch arbeiten konnte, so fein auch der Riß war, der von der Zündkerze bis zum Kopfe lief! Über den Motor legte er das Aluminiumblech, zusammengebogen, so gut es ging, und was sonst noch überflüssig schien. Die Drähte und das Zeug der Tragflächen behielt er und versteckte sie so gut im Dickicht, daß kein Auge sie erreichen konnte. Das gab Zeltstoff, vielleicht sogar Kleiderzeug. Nun bedeckte er das Grab seines Motors sorglich mit Erde und suchte dann wieder nach Tau. Aber der war in der lastenden Mittagshitze des Spätsommertages auch in den tiefsten Winkeln der Schattenfarne verflogen; es hieß einen Bach finden, und wenn's das Leben kostete. So trat er, den großen Browning an der Seite und den Spaten als Beil in der Hand, den unsagbar mühsamen Weg durch die verrückte Dickung an, wo er sich den Weg hauen und schneiden mußte, indes der Durst immer grimmiger wurde.

Bis in den Nachmittag würgte er sich so weiter bergab; er verzweifelte vor brennender Qual und warf sich auf die dunkle, magere Walderde, um sich zu kühlen. Da hörte er durch das Mittagsgurren der wilden Tauben hindurch ein ganz feines Kichern und Klimpern. Er sprang in wahnsinniger Freude empor. Herr des Himmels, das mußte eine Quelle sein! Und nun wand und schnitt er sich weiter, immer das Ohr in Liebe und Angst nach dem leisen Kichern und Rieseln hin gerichtet, bis er endlich ein jämmerlich kleines Gerinnsel fand, in dem sich ein bronzebraun aussehendes Wasserfädlein bergab wand. Für ihn war es herrlicher als der Ganges! Er warf sich auf den Boden und preßte Nase und Mund in die Furche wie ein wühlender Eber. Wie das Wasser schmeckte, wußte er gar nicht. Er trank nur und trank und brauchte lange, bis er bei dem spärlichen Rinnsal sein entsetzliches Brennen gestillt hatte. Dann füllte er seine Feldflasche; Gott sei Dank, daß er sie so groß genommen hatte!

Bisher war er aus dem verworrenen Dickicht noch gar nicht herausgekommen, wenn auch an einzelnen Stellen freiere Plätze mit großen Bäumen eingestreut waren. Dort versuchte er es, einen der Überständer, eine riesige Eibe, die vielleicht ein Jahrtausend alt war und doch kleiner geblieben war als jeder tüchtige Tannenbaum, zu ersteigen. Nun konnte er umherspähen.

Wald, Wald ringsum. Gegen Norden Fichten, gegen Süden da und dort Buchen eingestreut und Eichen. Keine größere Blöße, nur wilde Windbrüche; kein Zeichen menschlichen Wesens, eine Einsamkeit sondergleichen, namentlich nach dem Osten zu!

Dieser Waldberg, den sie Kraina nannten, war nur durch eine selten befahrene Straße, die durch das enge Loch der Luka führte, von der wilden Golobinje Planina mit dem Stol getrennt, und die ganze Welt dieser einsamen Höhen war wohl sechzig Kilometer lang und dreißig breit, ohne daß auch nur ein einziger größerer Ort dringelegen hätte! In der westlichen Kraina, wo er niedergegangen, war am nächsten der Weiler Luka und der Flecken Krivelj; aber auch diese waren drei Wegstunden voneinander getrennt, und zwischen ihnen türmte sich der steilste Gipfel des Waldgebirges bis nahe an dreizehnhundert Meter empor: der Stol — seine Burg! Die Bahn führte weit jenseits im Moravatale dahin. Er nahm die Karte zur Hand und stellte fest, daß das kleine Gerinnsel, das ihn hier gerettet hatte, zu dem Quellensystem der Bjelareka gehören mußte, an dessen Mündung in den Timok vierzig Kilometer weiter südöstlich die Brücken lagen, die er zerstören wollte. Nun saß er dort oben in der starren Wildnis, noch zwei Stunden über Luka, das die nächste menschliche Siedelung war, und begann ein Leben wie der Fuchs des Waldes; selber Dieb und Räuber, und von allen verfolgt, die ihn spürten.

Von was nun leben? Fürs erste mußte er unsichtbarer sein als ein Dachs. Sein Mundvorrat reichte auf ein paar Tage, dann mußte er sich als Raubtier nähren. Und er hatte kaum hundert Patronen für seinen Browning bei sich und kein Gewehr! Schießen durfte er in den ersten Tagen, solange man ihn da oben vermuten konnte, überhaupt nicht, und eine Wanderung nach Norden, wo er durch das Poretschkatal an die Donau zu kommen hoffte, war fast gleichbedeutend mit Entdeckung. Er mußte fürs erste hier oben bleiben und sein Leben mit den Mitteln, die er auf seinem Flugzeug mitgenommen hatte, neu beginnen und einrichten wie Robinson.

Vor allem benutzte er den Tunnel, den er sich durch das Fichtendickicht gehauen hatte, um zur Höhe des Berges zurückzukehren, wo er sein Fahrzeug und dessen Reste geborgen hatte, um nach und nach alles Brauchbare näher an das Wässerchen zu schaffen, ohne das er nicht leben konnte. Hier im dichten Jungholze wollte er bleiben; fürs erste konnte ihm nur ein Bär oder Wolf gefährlich werden und auch der nur im Schlafe. Schlimmer war es, wenn sie ihn mit Hunden suchten. Der kleine Wasserlauf, den er gefunden hatte, war zu unbedeutend, um darin weiter zu waten und so seine Witterung zu tilgen, damit die Hunde die Spur verlören. Aber das mußte er nun schon abwarten.

So suchte er sich denn nicht zu weit von seinem Gerinnsel eine höher gelegene Stelle, wo die Fichten so dicht standen, daß sie einen undurchdringlichen Verhau bildeten, zu dem er sich einen Zugang hieb, den man nur kriechend passieren konnte. Mit den abgehauenen Zweigen verblendete und verbarrikadierte er das Dickicht noch mehr, so daß man auch nicht auf eines Schrittes Länge das Zelt sehen konnte, das er sich in den Horst hineingebaut hatte, und das aus dem Zeug der Tragflächen bestand. Unter ihm grub er eine Erdhütte, und das Zeug bedeckte er mit Zweigen, damit das Graugelb des Stoffes nicht hervorleuchte. In diesem Zelte brachte er seinen kleinen Vorrat an Konserven und Zwieback unter, seine Werkzeugtasche und den Draht, der ihm nach dem Aufspannen des Daches noch geblieben war; das übrige Zeug rollte er zu einer Lagerstätte zusammen, auf die er seinen Schlafsack legte. Es war, für die Notlage, in der er sich befand, gar nicht ohne Gemütlichkeit anzusehen, wie er sich hier eingenistet hatte.