Dann musterte er das Handwerkszeug, mit dem er dieses vertrackte Leben führen sollte. Er hatte außer seiner automatischen großen Kriegspistole, seinem Säbel, kurzem Spaten und dem Feldstecher noch eine Werkzeugtasche, eine Eßschale, eine Feldflasche und einen Taschenfilter; das war alles. Ein einziges Paar allerdings sehr fest genähter Schuhe, drei Hemden und ganz wenig Unterwäsche und sein Fliegerpelz aus Leder bildeten seine Garderobe.
Nun dachte er lange Zeit nach: »Bleibe ich in meiner österreichischen Offiziersuniform, so haben sie mich auf den ersten Blick weg. Nähe ich mir aus dem Lederrock da eine Bunda zusammen, deren unbehilflicher Schnitt mich vor jedem Verdacht schützen wird, ein Gentleman zu sein, so werde ich als Spion gehängt, wenn sie mich hoppkriegen. Immerhin: besser etwas länger frei zu sein und dauerhaft in Leder gebunden, als mich vom nächsten Menschen, der mich sieht, mit Zetermordio verfolgt zu wissen.«
Und er machte sich ans Schneiderhandwerk, trennte das Schuppfell aus seinem Pelz und schnitt sich nach den zu weit gewordenen Linien des ledernen Überzuges eine tüchtige Jacke, die er sich dann wie ein Sattler mit Ahle, Pfriem und ungebleichtem groben Zwirn nähte, den er bei sich hatte.
Dabei hatte er wieder Hunger bekommen, und mit leisem Grauen dachte er wieder: wie soll ich mich hier nähren? Der nächste Maisacker lag weiß Gott wo. Er hatte einige tief unter Planina gesehen, als er noch der Adler dieser Höhen war; aber das gab eine stundenlange Wanderung!
Und er mußte sich die ersten Tage ducken wie ein Tier, auf dessen Wundfährte die Schweißhunde arbeiten! So suchte er denn im Walde nach Pilzen, deren er wenige fand, und nach Beeren. Es begann die Zeit der Brombeeren, und das war sein Glück, denn in diesem Waldgewirr waren die langen, stachlichten Ranken reichlich vorhanden. Er aß, was er konnte, denn die Dämmerung brach herein und er mußte sich mit den Gaben des Waldes tüchtig anstopfen, um seine Konserven, von denen er ja doch immer zu einer soliden Grundlage bedurfte, möglichst zu schonen.
Dann ging er, wie er ausgezogen war: immer vorsichtig in dem kleinen Wasserrinnsel bleibend, um seine Witterung zu tilgen, bergauf zu seinem Zelt im Dickicht zurück.
In der Nacht erwachte er; Stimmen, die sich vielfältig im nahen Holze zuriefen, dann der Jagdlaut von Bracken weckten ihn. Sie waren auf seiner Fährte; Himmel, sie suchten ihn mit Jagdhunden! Er hörte deutlich, wie einer der Kerle seinen Hund anfeuerte. »Pazek, pridi! Rako, pravdo!« Und das Jaffen und Schnaufen der gierigen Kreatur zerriß seine Nerven, wie es immer näher kam.
Tikosch riß seinen Browning hervor, repetierte eine Patrone in den Lauf und ersetzte sie im Magazin; das andere Magazin nahm er in die Linke. Er konnte jetzt in wenigen Sekunden fünfzehnmal schießen — dann aber war es aus. Das schwur er sich aber: jeder von den fünfzehn Schüssen muß im hellroten Leben sitzen. »Hund oder Mensch, ich schieße nur auf zehn Schritt!« Dann war sein Blut wie Eis, und er wartete, Todesgrimm in allen Adern, auf das kurze, furchtbare Halali! Mit Spannung zählte er die Stimmen, die zwischen dem Geläute der Hunde im Walde umherschwirrten; es konnten zehn Männer sein, wenn sie alle schrien, und drei oder vier Hunde. Wenn er die alle niederschießen könnte? Bloß einen Schuß braucht er für sich selber.
Da: es bricht in der Nähe und schnauft; einer der Hunde ist es. Das Mondlicht ist karg, und das ist gut so; denn da muß er auf drei Schritt schießen und braucht sich nicht zu verraten, ehe nicht alles verloren ist. Der Hund faselt am Bächlein hin und her, überfällt es — eisig sinkt alle Hoffnung in dem Bedrohten herab. Aber die Bestie planscht ins Wasser zurück und sucht bergab weiter; die eine Gefahr ist fürs erste vorbei. Der Leutnant wartet und wartet auf sein Ende, den Browning in einer Hand, die bisher noch nie bebte, die aber jetzt, wo Schrecken und Hoffnung zehnmal in der Minute wechseln, vor Aufregung zu zittern beginnt. Wieder und wieder hallt die Ball der Meute näher, kommen die Stimmen wie ein Fiebertraum über ihn, neben ihn; das wechselnde Aufleuchten der Fackeln dringt bis in seine Dickung. Dann, endlich, endlich geht die Hatz abseits in den Wald hinein und weiter bergauf.
Wenn sie oben die vergrabene Maschine finden, dann ist er ja doch verloren! Und so horcht er und horcht immer noch, auch wie das flüsternde Geheimtuen der südlichen Spätsommernacht allein um ihn raunt. Er hört die Hunde nicht mehr, er sieht die Fackeln nicht mehr ihre Feuerstreifen zwischen die Stämme schießen, aber sein Hirn gibt aus Eigenem fernes Rüdengeläute her, seine Augen blitzen Truglichter, bis er nicht mehr weiß, was wirklich ist und was Sinnensport! Er zerbricht sich den Kopf mit der Berechnung, wie weit es bis zu dem vergrabenen Aeroplan sein könne, und ob der vereinigte Standlaut der Hunde und das Jauchzen der Finder bis zu ihm herdringen könnte! Dann horcht er wieder. Die Siebenschläfer klettern in den Zweigen, die Nachtschwalbe klagt in der Luft, und zwei Eulen schreien so fürchterlich und unirdisch auf, daß ihm das Blut erstarrt, weil er nicht weiß, wer in der Nähe so gellend jammert. Wieder reißt er den Browning in die Höhe, aber nichts kommt. Glücklich, wer die Stimmen des Waldes alle kennt und der Natur Bruder geblieben ist; er darf schlafen, wo andere ringsum das Grauen und den Tod ahnen müssen.