Endlich löst sich die wahnwitzige Anspannung in ein dumpfes Brüten, aus dem ein todgleichgültiger, unwiderstehlicher Schlaf wird. Mit einem derben: »Sollen sie machen, was sie wollen,« wirft er sich hin und weiß auch schon nichts mehr.
Der jubelnde Morgen aller Vögel weckt ihn, und sogleich grübelt er nach: Bin ich gerettet oder nicht? Die Fährte seiner Verfolger darf er nicht nachsuchen, denn so gescheit sind sie sicher, auf ihre eigene Spur eine Wache gesetzt zu haben, die auf den nachspähenden Entronnenen paßt!
So wird er lange Zeit nicht wissen, ob sie seine Flugmaschine gefunden haben oder nicht, und das zerpreßt ihm mit furchtbaren Zweifeln die Seele.
Vier Tage sitzt der junge Mensch verkrochen und fiebernd im Dickicht und wagt sich nicht hervor. Vier Tage, ohne zu wissen, wovon er am fünften leben soll, denn seine Vorräte sind am dritten Tage zu Ende gegangen, und der Hunger beginnt mit dem öden Übelbefinden des leeren Magens seine Kurve, die bis zu Wahnvorstellungen steigen wird und zu einem Ende führt, für das Tikosch das Wort Tod nicht gelten lassen mag; verrecken nennt er es, wenn er dran denkt.
Aber frische Fährten darf er im Walde nicht hinterlassen, viele Tage lang; denn ihr Haß ist fürchterlich, und sie suchen immer noch, das weiß er. Aber noch eins weiß er: daß sein Wille, zu leben und zu entrinnen, noch größer und zäher ist als die Wut der andern, ihn zu fangen; und also muß er siegen, wenn nicht das Glück wider ihn ist.
So sitzt er und wartet auf seine Stunde wie der Wolf im Lager. Er weiß, daß er von jetzt ab bei Tage schlafen und bei Nacht schleichen muß, wie ein Raubtier, und überlegt, wie er den streifenden Hatzhunden entgehen soll, ohne sich durch einen Schuß zu verraten.
Aber in all dem Elend dieser ungewissen Tage hat er sich zu seinen Waffen eine neue gefertigt, die ihm in diesen Umständen nützlicher sein muß als seine Pistole.
Nahe an seinem Dickicht stand eine große Eibe, einer jener aussterbenden schwarzen Urbäume, deren Holz so zähe und elastisch ist, daß man nie einen dieser Bäume vom Sturme zerbrochen sieht. Aber eine stürzende Tanne hatte dem düstern Baum im letzten Winter einen langen Ast abgeschlagen, der zur Erde hing und jetzt ziemlich ausgetrocknet war. Tikosch wußte, daß das Eibenholz sich für den Bogen am besten eignet, und er schnitzte mühsam an dem dicken Bügel zu einer Armbrust und dem Schafte dazu. Mit dem Meißel stemmte er das Loch für den Bügel und für den Abzug aus, den er aus Teilen seines Flugzeuges zurechtfeilte. Nach zwei Tagen konnte er den Bogen durch den Schaft stecken, und nun band er von einem Ende des Bügels bis zum anderen mit großer Geduld einen Faden von dem starken, ungebleichten, groben Zwirn, den er hatte, um den andern: jeden stark anspannend und für sich geknüpft, bis der ganze Strang die Stärke einer Sehne erreicht hatte, wie er sie an mittelalterlichen Armbrüsten kannte. Er versuchte, zu spannen; unmöglich! Der Zug des Bogens mußte hundert Kilogramm übersteigen, und das war ihm recht; so bekam er einen weiten Schuß! Nun machte er den doppelarmigen Hebel zurecht, mit dem er die Sehne zu zwingen hoffte, aber zweimal mußte er den Arm des Hebels verlängern und verstärken, weil er sich bog oder nicht genug Kraft ergab.
Endlich spannte er die wuchtige Wehr und ließ den Bogen bangen Herzens leer abschnellen, ob die Sehne aushielt. Und sie riß nicht.
Von dem Augenblick zog in den einsamen Mann ein Gefühl von Stolz und Kraft, das ihn sich allmächtig fühlen ließ! Er hatte eine herrliche Schießwaffe, die ohne einen anderen Laut als das Klappen der Sehne den Bolz, dem er eine Spitze aus dickem Draht und Federn aus Lederflecken gegeben hatte, auf sechzig Gänge mit tödlicher Kraft trug! Er übte nach den Bäumen mit der einfachen Zielvorrichtung, die er seiner Waffe hatte geben können: die Treffsicherheit war nicht sehr groß, aber genügend: auf die sechzig Schritte, auf die sein Bolz noch einen Ast von der Stärke eines Handgelenkes durchschlug, vermochte er ein Ziel von Kopfgröße zu treffen. Ach, wenn es nur einen Hasen, nur eine Waldtaube in der Nähe gegeben hätte! Ihn hungerte so bitterlich! Aber das Dickicht schwieg, und in den helleren Wald wagte er sich nicht. Dort riefen die wilden Tauben im Holze; unendlich sanft klang ihr friedliches, dunkles Abendlied aus den Kronen der Fichten. Wenn er nur eine einzige herunterholte? Die Baumkronen lohten hochrot, der Unterwald war grau und lichtlos geworden, und wenn er Beute haben wollte, so war es höchste Zeit! Er wurde beinahe toll bei dem Gedanken, sich ein Lagerfeuer zünden zu können, über dem am Spieße der kleine, aber herrliche Braten duftete.