Der Magen krampfte und krampfte sich ihm, die wildgewordene Phantasie glühte und schwelgte in dem einen Bilde herum, bis er alle Vorsicht vergaß und im Bachbette aufwärts schlich, das dürstende Ohr nach dem dumpfen, heulenden Ruhuu, Ruhuu hingierend!
In weitem Bogen zog er in den Wald nach der Schlafstelle der schönen Vögel zu, die da wohl zu zehn und zwölfen in den Bäumen saßen. Endlich hörte er das Kichern ihrer Flügel, wenn sie aufflogen und sich umstellten. Es klang geradezu höhnisch, und ihm zuckte jeder dieser Töne ins Herz, denn die Vögel konnten ihn eräugt haben und abstreichen; dann kam die Nacht, und es war wieder nichts als das Wühlen in seinen leeren Eingeweiden! Er stand und starrte zu den Baumkronen. »Wech, wech, wechwechwech« ging es da und dort mit dem hohen, pfeifenden Laut der Schwingen, aber er sah die Vögel nicht; das Unterholz war zu dicht, und wenn er aus dem Schutze der Baumkronen trat, dann hatten sie ihn schneller eräugt als er sie, die Aufmerksamen.
Endlich begann ein Tauber leise zu heulen, etwas höher im Ton der nächste, und dem hungernden Raubtier da unten zuckte und riß das Herz. Er schlich näher, bis der eine Tauber mit der tiefen, murrenden Stimme den Schlußruf tat; den aber kannte Tikosch nicht, dieses kurze »Huck«, auf das der Vogel aufmerksam um sich zu äugen pflegt. Und ehe der Schleichende noch den blaugrauen Vogel gesehen hatte, klatschte der aus der nächsten Fichtenkrone empor ins flüssige Abendgold hinauf und zog in reißender Schnelle über den Wäldern dahin, weit, weit fort! Als hätte die Liebe des Schöpfers und aller Menschen ihn verlassen, sah Tikosch dem Vogel nach, dem drei andere folgten, und er hätte vor Jammer und Wut am liebsten herausgebrüllt. Zwei Schritte nur machte er und vertrat damit den ganzen übrigen Schwarm der Tauben, deren Schwingen wie Hohngelächter über ihm wichelten. Falkenschnell sausten die abstreichenden Vögel dahin, und der Wald war leer und entgöttert. Mitleidloses Schweigen blieb in den Baumkronen zurück, und der junge Mensch war hilflos wie ein verlassenes Kind. Oh, zum Fuchse, zur Katze zurück in die Schule! Neue Sinne erziehen an Stelle der Stadtdumpfheit, sonst mußte er verhungern trotz Waffe und Wild! Und er schlich weiter, das Wühlen des Hungers in den Eingeweiden und das brennende Verlangen im Herzen, zu leben, zu leben!
Aber der Abend schlug immer düsterer seine Schwingen um seine Augen, und bald war alles undeutlich geworden im Walde und auf den Schlägen. Da lenkte er verzweifelnden Herzens seine Schritte abwärts nach den Dörfern, um zu sehen, ob er ein paar Maiskolben stehlen könnte. Langsam und vorsichtig folgte er dem Wasserläufchen, das nach Süden lief, wo nach seiner Karte das Dorf Krivelj liegen mußte. Die Nacht war ihm jetzt willkommen, denn er wäre am liebsten mitten ins Dorf eingebrochen, um zu rauben, was er erraffen konnte.
Der Hunger hatte ihn furchtlos und verzweiflungsvoll gemacht, und wenn er daran dachte, wie jetzt die Kammern der Bauern voll Schinken und Würste hingen, trat ihm der Schaum vor den Mund, und er mußte mit Gewalt ein dumpfes Brüllen unterdrücken, das ihm von einer unwiderstehlichen Gier entpreßt wurde.
Wenn sie ihn fingen, es war ihm gleich. Vielleicht hatten sie seinen Flug schon vergessen, vielleicht konnte er sich für einen Versprengten ausgeben; denn seine Leute würden wohl schon längst mit den Serben handgemein geworden sein.
Wie es denen wohl erginge? Er wußte von aller Welt gar nichts, und was ihn sonst in ein Fieber von Sorge gestürzt hätte, das konnte er jetzt unwillig abschütteln. Es war ihm alles gleichgültig, was mit Österreich war; nur essen wollte er, fressen! Und er schlich und pürschte mit verhaltenen Tritten in die tiefwerdende Nacht hinein dem Tale zu. Das Gehen im Wasser wurde immer schwieriger und schmerzlicher; die aufgeweichten Schuhe gaben in den Nähten nach, aber er mußte im Bache bleiben, obwohl ihn das Fieber und die Kälte schüttelten. Stundenlang ging er so. Da hörte er das Anschlagen eines Hundes, und zusammenfahrend stand er stille.
Durch die Bäume schimmerte eine hellere Blöße; etwas Sternenlicht war über einer Wiese, und dorthin schlich er mit klopfendem Herzen. Nun sah er auch den Mond, der klein und schmal über die Berge heraufgekommen war und ihm leuchten sollte. Er wartete, bis der Hund wieder anschlug; nach dieser Richtung ging er dann. Es war die Gefahr, auf die er zuging, aber auch das Ende dieses schwindelnden, brennenden, tobenden Hungers! Fiebernd schwankte er dahin, und das Blut kreiste wunderlich in seinem Hirn. Ihm war jetzt alles wie ein sonderbarer Traum, und er mußte sich immer wieder zusammennehmen, um sich nicht niederzulegen und weiterzuschlafen, weil er oft meinte, flüchtig erwacht zu sein und innezuwerden, daß er da zwecklos aus dem Bette gestiegen sei und in der Nacht umherirre. Dann wußte er plötzlich wieder, daß es ums Leben ging, und hochgespannt schlich er weiter, wo der unsichtbare Hund sein dunkles, veränderliches Wesen hatte. Es war ein großes Tier mit tiefer Stimme, aber er fürchtete es nicht; er suchte es, und es ärgerte ihn das Wandern der Stimme, die bald da, bald dort anschlug und knurrte. Tikosch wurde wütend. Nicht, weil der Hund offenbar frei umherstrich und ihm gefährlich werden konnte, sondern weil dies kreisende Suchen mit dem Gehör ihm stets wieder jenes wunderliche Bewußtloswerden brachte, aus dem er sich mit allen Kräften losreißen mußte, sonst sank er vor Schwäche hin und wurde gefunden. Er ging über Wiesengrund, dann über ein Krautfeld, dann wieder über Wiese, und seine Augen durchbrannten die Düsternis, ob nichts anderes kommen wollte: Obstbäume oder ein Kartoffelacker gar! Auf einmal kam er an ein höheres Feld, und mit unbeschreiblichem Entzücken erkannte er die Töne leisen Sägens, die im Nachtwinde von den langen Maisblättern ausgingen, die sich aneinander rieben!
Da war Nahrung. Er schlich mit brennendem Begehren hin, griff in die Stauden und suchte mit bebenden Händen nach einem Kolben, den er mit einer Andacht losbrach und enthüllte, wie ein Priester das erste Allerheiligste, das er genießen darf. Ein leises Weinen, ein süßes, leichtes, seliges Kinderweinen erschütterte ihn dabei unsagbar sanft und lieblich.
Das Leben war plötzlich wie ein leises, liebes Lied geworden. Der Mais war hier, hoch oben in den Bergen, noch grün und milchig, und er biß gleich in die rohen Kolben und zerkaute das süßliche Fleisch der schwellenden Körner mit namenloser Inbrunst.