Da hörte er das Schnauben eines Tieres in der Nähe und hielt in der gefährlichen Gereiztheit einer Bestie inne, die man beim Fraße bedroht. Eine dumpfe Wut, in diesem unsagbaren Entzücken gestört werden zu sollen, kochte in ihm auf. Ah! Der Hund suchte und schnoberte nach ihm, der sollte die Menschenjagd büßen. Tikosch hatte seine Armbrust, so umständlich sie auch zusamt dem lästigen langen Hebel zu tragen war, bei sich behalten, und mit bebenden Händen spannte er die Sehne und klemmte den Bolzen zwischen die haltende Feder und den Schaft; dann setzte er sich kauernd auf die Erde und erwartete seinen Todfeind.

Ein gereiztes Knurren sagte ihm, daß der Hund seine Witterung in der Nase hätte. Aber dies drohende Knurren, das in solcher Verlassenheit und solcher Nacht manches starke Herz hätte zittern lassen, wurde ihm zum gierigen Entzücken. Schoß er mit seiner geräuschlosen Waffe die Bestie, so hatte er Zeit, Zeit, die ganze Nacht, zum Plündern von Feld und Baum und Stall!

Er hatte wieder all seine Nerven und Sehnen beisammen und duckte in sich selber zusammen, die Armbrust an der Wange: wartend, in zitternder Freude und Gespanntheit. Und der Hund schnob und schnaufte sich näher heran. Der Wind stand vom Felde nach der Wiese, und Tikosch wußte, aus einem ihm bisher unbegreiflichen Instinkte heraus, daß der Hund gegen den Wind kommen müsse. Er horchte gar nicht mehr in das Sägen und Rascheln des Feldes hinein, sondern bohrte seine Augen in das matte Dämmern der Wiese.

Wirklich kam die Bestie dort geschlichen; undeutlich, schwarz und so riesenhaft, daß er zuerst glaubte, es sei ein Stück Großvieh. Aber er wußte, wie die Dunkelheit verzerrt, und paßte scharf auf. Nun war der Hund so nahe, daß der junge Offizier das gierige Hecheln des aufgeregten Atems hören konnte; der Hund stand, und eine unbestimmte Sorge schien ihn zu überkommen. Wenn die feige Bestie nun nur nicht ihrer Zwiestimmung in einem ungeheuerlichen Lärme Luft zu machen suchte! Rühren durfte sich der gestellte Mann auf keinen Fall, so daß der Hund im ungewissen blieb, was das für fremde Witterung war. Endlich schlich das große düstere Tier wieder näher, gierig windend, so daß sein Atem pfeifend durch die Nase ging. Zehn Schritt noch, dann stand es wieder und knurrte.

Tikosch blieb ganz still in sich zusammengepreßt, und lange, lange Minuten lauerten sich so die beiden die Gewißheit ab. Endlich schien der Hund zu glauben, hier schliefe ein Mann, und kam vorsichtig schnuppernd noch näher heran, so daß der Offizier sah, wie sein Rückenhaar vor Aufregung hochgesträubt war wie bei einer Hyäne. Mit hohem Widerrist und gesenktem Kreuze wie eine solche stand die Bestie einen Augenblick, dann duckte sie vorne zusammen und kroch näher; Tikosch sah nur Haupt und Schultern und dahinter die klamme Rute, die vor Wut und Erregung zuckte.

Drei Schritt! Tikosch ging mit der Schußwaffe mitten zwischen die schwefelgrünen Lichter des großen, gefährlich nahen Tieres hinein und drückte in unsäglicher Anspannung allen Willens, den einen Punkt zu treffen, ab. Es krachte wie brechendes Bein, und der Hund sank nach vorne zusammen, ohne einen Laut zu geben.

Da stand Tikosch auf, straffte sich, und ein Gefühl sprudelnden Stolzes quoll in ihm empor, dessen wilde Freude am liebsten in einen furchtbaren Siegesschrei ausgebrochen wäre. Er dämpfte sich, trat zum Hunde und riß dem verendeten mit großer Anstrengung den Bolzen aus der Stirne: bis ins halbe Hirn hatte sich der gebissen! Dann packte er das mächtige Tier an der Rute und schleifte es über die Wiese zum Bach, gab ihm dort einen Fußtritt, und es kollerte bergab, so weit, als Tikosch nur wünschen konnte. Denn hier ging es sehr steil hinab. Ein fernes Planschen des Wassers verriet ihm, daß die Bestie fürs erste gut verdeckt läge; dann kehrte der frohgewordene Feldräuber wieder zu seinem Mais zurück und begann mit vollen Händen zu stehlen!

Er aß diesmal nicht mehr; er dachte nur an Vorrat und band sich die saftigen Kolben zu einem großen Pack zusammen.

Dann ging er ein Kartoffelfeld suchen, fand es auch und grub sich hier, wühlend wie ein Eber, die größten und schwersten Knollen heraus, den ganzen Rucksack schwer voll. Nun schlich er sich, nach dem Hause spähend, weiter; aber ehe er in einer dunklen Erhöhung einen mächtigen Hof erkennen konnte, jaffte hoch und aufgeregt ein Hündlein hinter den dunklen Mauern, und der verhohlene Vogelfreie erschrak dermaßen, daß er zuerst kaum von der Stelle konnte.

Mit zitternden Knien und größter Anstrengung trug er jetzt seinen schweren Raub dem Bergwalde zu, fand seinen Wegweiser, den Bach, trat ins Wasser und kämpfte sich darin über Kies und schlüpfrigen Schlamm unter unsagbarer Mühe und Schmerzen seinen Weg bergauf, Stunde um Stunde, bis das Sternbild des großen Wagens über den Bäumen gänzlich auf dem Kopfe stand und weit über Mitternacht ansagte.