Fünf Stunden hatte der kleine Raubzug gedauert, und es mochte gegen zwei gehen, als Tikosch in seinem Dickicht anlangte und erst todmüde auf die Erde hinsank, ehe er Willenskraft genug fand, sich die verquollenen Schuhe von den Füßen zu ziehen und die kalten, erstarrten Beine abzureiben, damit er sich nicht zu sehr erkälte.
Trotz der Anstrengung war ihm nicht warm geworden: das machten der Hunger und das Fieber, das ihn immer noch nicht gänzlich verlassen hatte. Dazu spürte er in der verheilenden Wunde wieder lebhaftere Schmerzen. Aber all das tat ihm jetzt nichts, wo er zu essen hatte.
Er war so sicher, beinahe übermütig geworden, daß er es zum erstenmal wagte, ein Lagerfeuer zu entzünden. Mit der letzten Kraft, die ihm geblieben war, zerrte er aus dem Holzvorrat, den er sich vorsorgend schon früher zusammengetragen hatte, ein paar kurzgehackte Stücke hervor, legte sie auf Reisig und entzündete sie. Dann rückte er an die Flamme, und indem er die Kartoffeln hineinlegte und die Maiskolben an kleinen Spießen über das liebe, lichte Feuer hielt, zog längst entbehrte Wärme in ihn und gab ihm Mut und Kräfte wieder. Er konnte es kaum erwarten, bis die Maiskolben geröstet waren, und die Kartoffeln sangen noch leise, als er sie aus der kleingewordenen Glut zog. Nun warf er nur von Zeit zu Zeit mehr ein kleines Scheit in die Flamme, damit er Wärme und Licht in einem hätte, und hielt eine Mahlzeit, beißend, schlingend, schmatzend und ungeheuer gierig! Dabei durchdrang ihn ein Entzücken, das war so schwindelnd und ungeheuer, daß alle Liebe, die er je genossen hatte, elend und schal neben dem ungeheuren Aufschwunge seines Lebens erschien, der ihm jetzt beschieden war, weil er sich sattessen konnte!
Das Glück brauste und jubelte in ihm, und er schnaufte und weinte in einem Atem vor Gier und Lust! Er entsann sich, daß Verhungernde mit dem Essen nicht aufzuhören vermöchten, bis sie stürben, aber das kam ihm jetzt gleichgültig, klein und nichtig vor. Es war ein solcher Aufflug, solch ein ins Ungeheure gepreßtes Lebensgefühl in diesem Fraß, nach den elenden Tagen, daß er dafür gerne gestorben wäre. Endlich lachte er doch leise und sagte sich: »Vieh! Vieh!«
In unbändigem Glück und Behagen lehnte er sich zurück, hielt die Beine ans Feuer, drehte und wendete sich, um die göttliche Wärme recht und überall zu empfangen und durchzufühlen, und kam sich vor wie der König dieser hohen Wälder.
Das stürmende Glück ging immer mehr in ein menschlicheres und sanftes Hinträumen über, und zum erstenmal in diesen Tagen der Verfolgung und Not überblickte Tikosch seine Lage klarer und musterte auch seine Vergangenheit, wie einen Traum, den man staunend überblickt und bedenkt, nachdem man erwachte.
Einen Arm unter dem Kopfe, lag so der junge Offizier an seinem einsamen Lagerfeuer in der Urwildnis des Veliki Krisch.
Wie war er nur da hergekommen? Ah, ja, sein toller Flug! Und die vermaledeite Brücke bei Zajetschar steht noch immer; die hat er gar nicht gesehen. Vielleicht kommt man zu Fuße hin? Eine Sprengbüchse und ein paar Bomben sind drüben am Stol vergraben; wer weiß, was man wieder unternehmen kann, seit man wieder bei Kräften ist!
Wie kam er damals nur auf jene tolle Idee? Befohlen war ihm der Flug nicht worden. Und Tikosch Gabor lächelt wehmütig; er hat in seiner Seele wieder Platz für Menschentum und Allzumenschliches. Wenn ihn die frische, aufrechte deutsche Beamtentochter, der er so gar nicht gefallen hatte, jetzt sähe! Aus Grimm und Verzweiflung über ihre Abweisung war er unter die Flieger gegangen und hatte ihr's geschrieben, daß er ins Herz Serbiens hineinsausen würde, um dort zu wüten und zu sterben. Er, der ihr zu unbändig, zu viehisch erschienen war, der Wohlerzogenen, weil er einmal betrunken sein mochte, wie's eben der Ungar pflegt unter Freunden. Und einen schwäbischen Lehrer hatte sie ihm vorgezogen!
Häh! Der hätte da stehen sollen, in der Nacht, im Kukuruzacker, der riesigen Dogge gegenüber! Oder er hätte mal fliegen sollen wie Tikosch. pfeifende Kugeln ringsum! Oder mit Hunden gehetzt im Walde ducken, oder hungern, wund und fiebernd! Nein, die Weiber sind nicht auszurechnen. Nimmt die ein Lamm statt eines Löwen!