»Ich ziehe Ihnen niemanden vor,« sagte Livia ruhig. »Sie sind mir der liebste Mensch, den ich je gesehen habe, und wie oft mich eine tiefe Rührung überkommt, wenn ich aus dem Fenster in Ihre Bergeinsamkeit hinaufschaue und Sie dort oben ausgeliefert, aber mutig weiß, das mag ich Ihnen nicht vorzählen. Aber ich habe stets ein Gefühl, so zwischen Mutter und Schwester, wenn ich bei Ihnen bin. Wenn Sie damit zufrieden sein können, so mache ich Ihnen einen Vorschlag. Ich werde jetzt bald zur Mutter nach Rgotina hinunter müssen. Nur Ihnen zuliebe bin ich hier oben geblieben, und solange der Herbst schön ist, bleibe ich auch da. Aber mein Wort bindet mich, mit dem ersten bösen Wetter zur Mutter zu kommen. Im Hause selbst kann ich Sie dort nicht verstecken. Aber ich kann Sie zu Gefährten bringen, wenn Ihnen die nicht gar zu bedenklich sind,« fuhr sie fort und lächelte in sich hinein. »Sie sind nicht der einzige Schützling, den wir in diesen Tagen vor der serbischen Wildheit schützen müssen. Da sind drei arme Handwerksburschen aus Ihrem und aus dem deutschen Lande, denen wir auf eine Weise Unterschlupf gegeben haben, die uns nicht bloßstellt, wenn man die armen Kerle ja aufgreifen sollte. Sie haben ein Lager, das ganz dem Ihren ähnlich ist, nur in reicherer und gütigerer Lage; dort warten sie, bis das Land hier herum von den Österreichern besetzt ist oder eine andere Gelegenheit sich bietet, um ungefährdet zu entfliehen. Denn Geld, mit dem sie sich vielleicht durchschlagen könnten, haben weder sie noch ich selber!«

Tikosch hörte nur mit halbem Ohr auf ihren Vorschlag. Alles, was er deutlich wußte, war die Abweisung seiner Liebe, und als sie ihn fragte, ob er ihren Plan gut fände, da sagte er kalt: »Ich bleibe hier oben.«

Traurig wandte sie sich zum Gehen. »Ich kann nicht anders,« sagte sie leise. »Verzeihen Sie mir.« Und sie schritt durch das Dickicht, indem sie den herrlichen Leib durch die Ranken bog und wand. Er sah ihr nach, und das Herz sott und brühte in ihm vor Weh und wild anspringendem Zorne.

»Kaltes, langweiliges Laster, geh zum Teufel!« entfuhr es ihm im ersten Zorne mit dem alten Reiterton, den er längst abgetan zu haben glaubte. Aber als die Büsche nicht mehr knackten und die unsägliche Bergeinsamkeit ihn wieder in ihre Arme geschlossen hatte, da schrie und betete seine Seele ihr nach und er nannte sie, in jugendhafter Erinnerung, Pallas Athene und Schutzgöttin. Sie aber kam nicht wieder.

Es ging ein Tag um den andern in leuchtender Gleichheit dahin. Tikosch schoß mit seinem Vorderlader das Wild der Planinen und der Wälder und sagte zu dem Gewehre: »Knall', knall', meine Flinte, daß dich die Herrin hört und sagt: Er grüßt mich! Und wenn sie es nicht hören will, so bring' mir die Serbenhunde auf den Hals, ein Dutzend und mehr, damit ich mich wehren kann wie ein hauendes Schwein! Nur vergessen, wie stolz und schlank und schön das Mädel ist, das verhexte, verruchte!«

Und er weinte vor Wut und Scham, verschmäht zu sein.

Dann wieder zog die endlose Weichheit des Gottes dieser stillen Höhen in seine Seele ein, und er litt in einer wehen Süßigkeit dahin, wie er sie nie gekannt hatte. Alles schien ihm schön, und sein Leid war ihm rasend lieb. Es strömte ein Seufzen und Klagen unablässig, still und köstlich aus seiner Wunde, so wie Honig aus reifen und vollen Waben rinnt. Und der über alles Singen und Sagen goldene Herbst sah ihm zu und stimmte ihn wie ein göttlicher Sänger seine Harfe.

Er kam sich vor wie der einzige Mensch auf Erden; allein mit der Natur, rings um sich Tiefe und Tod. Blieb er hier oben, so war es ein beständiges Verbluten, aber Gott sang immer reiner sein ewiges Lied in ihm. Er begriff nun, wie Livia die Bäume und Felsen Geschwister nennen konnte; ihm waren sie es auch geworden, und ihnen erzählte er sein Leid. Wunderbar gütig hielten die Bäume zu ihm, die er umschlang und ihnen sagte, was er Livia nicht sagen durfte; ihre Rinde bewahrte ihren Namen wohl zehn- und zwölfmal. Das sanfte Rauschen ihrer Zweige sprach mit ihm, das Fallen, Fliegen und Treiben ihrer Blätter rief ihm zu: »Sieh her, auch wir verlieren unser Schönstes und Liebstes.« Und das Stöhnen der Äste, wenn Sturm im Walde war, schrie wie mit seiner eigenen Stimme zu Gott: »Warum hast Du mich verlassen?« So wuchs er in unsagbarem Weh und ansaugender Liebe in diese ferne, verschollene Welt hinein, und oft überraschte ihn der Gedanke: »Hier möchte ich mein Leben verbringen.«

Die Fernen waren immer noch silbrig, der Himmel strahlte in Gold und Blau, und weithin sah man ins angstvoll stille Land, in dem Kriegssorge wohnte. Da mußte Livia noch unten im Waldhause sein, und er sandte der Nahen und endlos Fernen seine wundesten Grüße über die Baumwipfel hinab. Dann aber, eines Nachts, als um Sonnenuntergang das Abendrot gebrannt hatte wie das zerrissene Herz Gottes, als die Fernen schmerzlich scharf und rein ringsum herübergeschaut hatten, da kam ein hochherrlich warmer Sturm über die Wälder und raubte ihnen mit lachender, johlender Gewalttat Milliarden von Blättern. Es brauste wie die Orgel des ersten Gottesdienstes nach Weltuntergang, wenn die Entsetzten und Erlösten das »Herrgott, wir loben Dich« anstimmen müssen. Die gewaltigen Äste hagelten dicht um das Versteck, unter dem sich Tikosch zu ducken versuchte. Aber da sein Herz von dem Aufruhr angesteckt wurde, litt es ihn nicht in der dumpfen Luft seiner unterirdischen Hütte, und er trat mit offener Brust in den kämpfenden Wald und sang und schrie mit. Es machte ihn wie toll, daß er wieder schreien, schreien konnte, er, der so lange still gewesen war und nicht mucken durfte.

In der Sturmnacht hörte ihn niemand, und wie ein frecher Knabe aus sicherer Ferne schrie er wilde Kriegsworte und Herausforderungen ins serbische Land hinunter, forderte er Gott heraus, ihn mit einem Blitz zu zerspellen, und sprang lautlachend zur Seite, als ein Baum sich neben ihm wie ein niederkniender Beter neigte und dem Herrn der Wälder krachend zu Füßen sank.