»Hoho, er reagiert,« schrie Tikosch, »er hat mich gehört und gibt mir einen Deuter, der ewig hochmütige Schweigsame!« Er war wie toll; der Aufruhr des Himmels und der Wälder steckte ihn an wie eine Carmagnole des Satans, und so schrie und tanzte er aus dem Walde auf die felsige Blöße hinaus, juchte die gehetzten Wolken an wie der wilde Jäger sein Schattenwild und wünschte nichts mehr und sehnlicher, als daß die alte Sage zu dieser Stunde wahr würde und der verdammte Hackelberg da oben über die Wipfel käme und ihn mitnähme! Den Reiter und Flieger, für den auf Erden keine Liebe wuchs, und der gern verdammt wäre zu ewigem Hetzen in der Luft, immer nur mit Hunden und Pferden und Raubvögeln, zu denen er ja gehören mußte!

Endlich war er müde geworden, und lachend über seine eigene Tollheit und doch mit beschämtem und wundem Herzen suchte er seine überzeltete Erdhütte auf.

Die ersten, schweren Tropfen, mit Hagelgeschossen untermischt, schlugen gerade auf ihn hernieder wie Hetzpeitschenhiebe. Ungeheuer prasselte der Regen über sein Dach herab, hob und blähte es, riß daran und schlug seine nassen Schauer bis hinein. Da verkroch sich Tikosch fröstelnd in seinen Schlafsack und horchte lange, lange auf das Schauern, Sturmheulen und Anschlagen der Wolkenbruchsaat an sein leichtes Zelt.

Am andern Tage geschah etwas Wunderbares. Er mußte spät eingeschlafen und so übermüdet sein, daß er es gar nicht hörte, wie jemand durch den Tunnel im Gebüsche bis an seine Behausung kam. Livia hatte schon die Zeltwand zurückgeschlagen und sah zu ihm herein, als er, geblendet vom blaßgrauen Regenhimmel, erwachte und im Erkennen des schönen Mädchens regungslos liegen blieb, als wollte er ein Wunder nicht stören und zerstieben machen.

Aber Livia begann zu sprechen: »Ich habe Sorge um Sie gehabt in dieser schrecklichen Nacht, die die letzte war, die ich hier oben verbringen durfte. Ich bringe Ihnen zum Abschied noch alles, was Ihnen an Nahrung dienlich sein kann, und wenn Sie Ihren halsstarrigen Entschluß ändern wollten, so habe ich Ihnen auf dieser Karte mit einem roten Strich den Weg bezeichnet, auf dem Sie in der Nacht unbemerkt bis nach Rgotina kommen können. Nein, bleiben Sie liegen, ich muß wieder gehen. Gott sei mit Ihnen, und seien Sie vernünftig!«

Sie beugte sich zu dem jungen Menschen, der erschreckt stillhielt, und küßte ihn auf die Stirne.

»Lebwohl, mein Bruder,« sagte sie leise. Dann war sie auf und fort.

Und im Walde war Regen; grauer, eintöniger Regen, der so still über dem Lande hinging, daß nicht einmal die Nebel, die naßschauernd über die Kämme des Stol und der Planina zogen, lebhafter wanderten. Es war ein müder, träger Luftzug, der sie trug. Sonst pfiff es immer auf diesen karstigen Höhen, jetzt langweilten sich die Wolken unschlüssig dort umher und weinten, weinten um den Sommer, der tot war. Ein Tag war wie der andere, und die Wildtauben waren fort; der Waldhase lag melancholisch in seiner Sasse, und kein Reh schritt durch die triefenden Wälder. Immer war es gleich, und wie ein zwecklos trödelnder Mensch mit den Fingern an hoffnungslosen Fensterscheiben, so trommelte tagaus, tagein der Regen auf die Plache des Zeltdaches, bis sie regelmäßige Tropfenzeilen und Regenfäden da und dort durchließ, die ihm die Erde feuchteten, auf der sein Lager war.

»Gott kann sich sehr versagen,« dachte Tikosch in der Sprache des schönen, abgewanderten Mädchens. Und alles in ihm war bange, hoffnungslos und grau wie diese nutzlosen Tage.

Endlich ward ihm der Regen und die Verschleierung der ganzen kleinen Welt, die ihm zur Verfügung stand, zu viel, und er bedachte, daß er von der Höhe des Stol aus die Timokbrücke nicht sprengen konnte.