Es mußte sich doch eine Möglichkeit finden, in der schmerzlichen, aber dennoch beseligenden Nähe Liviens weilen zu können. Er konnte auch dabei die gute Gelegenheit, seine Sprengbüchse zärtlich an die Brücke zu binden, wahrnehmen. Nur Livia durfte dabei nicht, wie sie sich auszudrücken pflegte, »bloßgestellt« werden. Er dachte an das bei dem Mädchen seltene Lachen, mit dem sie von der Gesellschaft erzählte, der er sich hätte anschließen sollen, und mutmaßte ein paar versprengte österreichische Soldaten oder Deserteure, die er vielleicht durch seine Tatkraft dem lieben Vaterlande zurückgewinnen, ja wohl gar mit ihnen Großes vollbringen könnte!
Dieser Gedanke, mit ein paar verwegenen Kerlen nach Betyarenart auf eigene Faust Krieg zu führen, machte ihn ganz heiß vor Freude, und für den Augenblick wenigstens war alle Weichheit und aller pantheistische Dusel der letzten verliebten Tage von ihm abgefallen. Er glühte und plante. Ah, Bandenführer sein, das wäre herrlich!
Die Gegend von Rgotina gehört zu den schönsten und fruchtbarsten Serbiens, und wenn auch der Wein, der zwischen Metopnica und Zajetschar wächst, nicht an den von Negotin herankam, so ist es doch ein gutes Land. Von Bor und Brestowatsch her geht die Bahn, die Serbien mit Kohle versorgt, und die Ausläufer des Stol und des Veliki Krisch tragen über der Weinregion Wälder von Edelkastanien in unermeßlicher Fruchtbarkeit. Dort sind große Besitze, welche die herrliche Waldfrucht nur als Mast für Borstenvieh benützen, und wie in den Eichenwäldern des nördlichen Serbiens werden hier die Schweine im Herbst in die Edelkastanienwälder getrieben, um sich einen Ranzen anzufressen. Sind die herrlichen Bäume alt und fruchtarm geworden, so werden Bestände von oft riesiger Ausdehnung auf einmal abgeholzt. Nur ein paar früchtereichere Bäume bleiben als Überständer zur Samenaufzucht stehen. Mit der hat es übrigens keine große Not, denn die Edelkastanie, an Form, Laub und Frucht schon der König aller europäischen Waldbäume, ist es auch dadurch, weil sie in buchstäblichem Sinne genommen unsterblich ist. Ihre Triebkraft ist bei gutem Boden so ungeheuer, daß rings um den abgesägten Wurzelstock in gedrängter Menge die Stockloden wieder austreiben, die zuerst ein wucherndes Gestrüpp und dann, sich ineinander schließend, wieder Bäume bilden, deren jeder aus fünf oder sechs ineinander wachsenden Einzelbäumen besteht. Dieser Vorgang erklärt die ungeheure Dicke vieler alter Edelkastanien, deren stets hohler Kern an Stelle des gefallenen Mutterbaumes steht. Oft wohnen ganze Zigeunerfamilien in solch hohlen Riesenbäumen, die ihnen ein Zimmer von vier und fünf Meter Durchmesser bieten; die Küche wird dann angesetzt und vorgebaut, und die Nahrung liefert der gesegnete Baum gleich selber dazu.
Bei dem üppigen Wuchse dieser Bäume und den ungeheuren Besitzen jener Gegend gibt es dort Kahlschläge von dreihundert Joch Grundfläche, die sich in wenigen Jahren mit dem drei bis vier Meter hohen Gewucher der Stockloden bedecken, die unübersehbar und undurchdringlich zusammenwachsen und für alle Wesen, die auf Erden verfolgt sind, eine Schutzwildnis bilden, die ein Entdecktwerden unmöglich macht. Solch eine Waldwirrnis hatten die Brüder Ternaveanu auf dem Gewissen. Als sie einst in Monte Carlo Geld brauchten, schlugen sie einen Maronenwald von über fünfhundert Morgen nieder, ließen das Holz den Timok abwärts in die Donau schwimmen und verkauften es an der unteren Donau als Faß-, Bau- und Brennholz recht gut. Nun stand ein Gebiet, das in Stunden nicht umkreist werden konnte, seit über einem Jahrzehnt im üppigen Nachwuchern der Stockloden, in deren Wirrsal niemand eindringen konnte. Ringsum war Hochwald, und gegen Trnawatsch, das ein Dorf am Timokufer ist, begann der Sumpf.
Dorthin zog jetzt Tikosch, hochbepackt wie ein Hausierer, und es war ein Nachtmarsch auf Leben und Tod. Denn er hatte seine Bomben und Sprengbüchsen neben seinen Vorräten und Waffen nicht liegen lassen wollen. Von der ungeheuren Kastaniendickung hatte er durch Livia genaue Kenntnis, und nach fünfstündigem Nachtmarsche und übermenschlicher Anstrengung erreichte er den Berg über Rgotina. Auf dem ganzen Saumwege von diesem Orte über die Luka war ihm niemand begegnet. Denn die abergläubischen Slawen fürchten die Nacht in den Wäldern wie kleine Kinder, und oft geschieht es, daß sogar Gendarmen entsetzt mitten aus einem Patrouillengange zurückflüchten, weil sie eine Waldfee, eine Vila, im Walde leuchten gesehen hatten: ein Strunk faulen Holzes!
Es graute schon, als Tikosch nach Livias genauer Zeichnung die Kastaniendickung fand, deren Eingang sie ihm sorgfältig nach geheimen Zeichen an ein paar auffälligen Überständen beschrieben hatte. Aber es wurde beinahe Tag, und er verzweifelte schon fast an der Güte und Treue des Mädchens, bis er endlich in das ungeheuerliche Gewirre dieser südländischen Waldesfruchtbarkeit hineinfand. Langsam und mit katzenartiger Vorsicht, überall auf Verrat gefaßt, schlich er den schmalen Pfad unter den Wedeln der Stockausschläge vorwärts, die oft höher waren als ein eingeschossiges Haus.
Lange, lange war nichts als dichte, braune und gelbgrüne Wildnis. Er glaubte sich verirrt und stieg auf einen der Überständer, eine herrliche Buche, deren gewaltiges Astwerk schon nahe am Boden begann, wie an einem Baume aus den Tropen. Denn der Wald durfte nicht ganz eintönig aus Kastanien wiedergebaut sein. In mäßiger Höhe schon gewahrte Tikosch ein kleines Rauchfädlein aus dem lederbraunen Gewirre der herbstfarbenen Blätterwildnis auftänzeln. Da der zarte und vorsichtige Rauch gerade gegen die aufgehende Sonne zu emporkräuselte, hatte er leichte Orientierung und pirschte sich in ungemeiner Vorsicht näher.
Jetzt entschied sich vielleicht sein ganzes Leben. An der Treue Liviens zweifelte er in diesem Augenblicke zwar nicht mehr. Aber wen und was er hier finden würde, das zog ihm das Herz zusammen. Kannte denn Livia die Gesellen, über die sie kaum ein paar ironische und vorsichtige Worte verloren hatte? Tikosch betete, daß die neuen Freunde, zu denen er stoßen wollte, nur um Gottes willen kein Prinzip haben möchten; dann wollte er sie schon lenken und überreden. Aber wenn da irgendwelche politische Fanatiker am Lagerfeuer saßen, dann ging es ihm nicht gut. Nur keine Serben, nur keine Mazedonier, nur keine Russophilen, griechische Christen, kurz, nur keine irgendwie gearteten Programmmenschen! Sonst war er verloren, denn Fanatiker für Österreich durfte er hier nicht erwarten. »Herrgott,« betete er, »gib, daß es vollendete, ganz charakterlose Haderlumpen sind, mit denen du mich hier zusammenführst! Die stehen, für mich wenigstens, dem Menschentum in Tagen, wie diese sind, am nächsten!«
Dann begann er, über eine kleine Lichtung zu spähen, die sich im Gestrüppe vor ihm aufzutun schien, und in deren Mitte ein mächtiger Kastanienbaum stand.
Man stritt in leisen Worten dort.