»Aber wa könn' auch mit der Schieße umgehen, und Männer wie ich hat mein Vaterland nötich,« sagte er stolz und streichelte das Gewehr des Tikosch. »Das is'nn Vorderlader,« sagte er. »So'nn hatten die Österreicher Anno sechsundsechzig, und drum verloren sie ihre Chose. Wir ha'm das Mauser mit Muster S!«
Der zweite hieß der Schlampenschneider und war ein Tiroler, dem alles recht und alles gleichgültig war, wenn er nur zu essen und zu trinken hatte. Im übrigen war dieser Mensch von einer Zähigkeit und Wetterhärte wie das Wild auf der Höh'. Er konnte im Regen schlafen und dreimal des Tages in seinen Kleidern naß werden und wieder darin trocknen, ohne daß er fror oder sich erkältete. Er war gutmütig und wußte auf die Frage des Tikosch, warum er nicht zur Truppe eingerückt sei, nichts anderes zu sagen als: »Miar hat's halt nöt pascht.«
Der dritte aber, der nasse Heinrich, begann Tikosch bald am meisten zu interessieren. Denn an die gleiche Frage, warum er nicht kämpfe, schloß er eine so lückenlose Kette von Vernunftfolgerungen, daß Tikosch gleich sah: hier war ein Philosoph von der Sorte, zu der er gerne in die Lehre gegangen wäre!
Der nasse Heinrich war ein Schlesier aus dem Kuhländchen und sprach ein ganz einwandfreies Deutsch, als er eine drollige Rede gegen den Kriegsdienst und die Verkürzung menschlicher Freiheit hielt, die ungefähr so ging:
»Erstens bin ich eine Intelligenz und sehe leider genau, was weiß ist und was schwarz. Ob auch meine näheren und ferneren Vorgesetzten Intelligenzen sind, das habe ich nach allen Beispielen, die ich bisher in Erwägung ziehen konnte, sehr zu bezweifeln. Wie soll ich nun meinen ganz lichten Willen und mein überhelles Hirn unter das Kommando eines dumpferen Kopfes stellen, von dem ich vollkommen deutlich erkenne, wie er mich sicher und unfehlbar in das große Heringspökelfaß führt, wo die Granaten am dichtesten stille Leute machen? Nein; wenn schon gestorben sein muß, dann auf eigene Fasson. Ich will wissen, warum und ob es sich lohnt, ein so gescheites Dasein wie das meine aufzugeben.
Des weiteren habe ich gefunden, daß ein Leben recht die Mitte halten muß zwischen besinnungsloser Streberei und Quietismus, wie das in meinen Büchern heißt. Du mußt wissen, Aviatiker, daß ich viel lese. Aber Quietismus, das ist besonnene Faulenzerei. Christus, Mohammed und Buddha haben ihn zwar gepredigt, waren aber Orientalen. Wir Abendländer können nun keine Ruhe geben, und da haben wir insoferne recht, als Besonnenheit, wenn sie nicht auch praktisch geübt wird, keinen Wert nicht hat. Was? Wo aber braucht es mehr praktischer Übung in der Lebensführung, wo gibt's mehr Kampf, wo zeigt sich unsre Überlegenheit besser, als in dem Berufe, dem die gesamte zivilisierte Welt wie ein Mann als Feind gegenübersteht? In dem Berufe der Lilien auf dem Felde, als welche wir uns darstellen! Wir Sonnenbrüder vom faulen Pelz, wir von der Walze, wir müssen uns jede freie Stunde erhungern, erfechten, erwandern, oft genug erstehlen. Natürlich halten das nur Leute aus, die ihre eigenen Gedanken haben und an sich selber eine bessere Gesellschaft haben, als die gesicherten Dutzend weisen Bürgerheringe an ihren Stammtischen sie uns zu bieten vermögen.
Siehst du, Aviatiker: ich war bestallter Schulmeister in Odrau, und ich verließ den Ofen mit den gebratenen Äpfeln der Behaglichkeit darauf, um mich in Sturm und Regenschauern umzutun. Ja. Denn da war ich stets in der unmittelbaren Nähe Gottes. Wenn wir uns ein Feldfeuer anzünden, dann erkennt Unsereiner, weiß der Himmel, daß es einen Gott des Feuers gibt, und daß die Flamme heiliges Leben in Essenz enthält! Verstehst du mich, Aviatiker? Nur das täglich schwer eroberte Leben ist der Religion nahe! Ich bin in Italien gewesen und in Griechenland. Nur eine Meinungsverschiedenheit meiner Gefährten hier hindert mich, mit ihnen abermals den Himmel aufzusuchen, unter dem die Ölbäume wachsen. Es ist da unten auch rauh und es stöbert der Schnee uns auch in Hellas recht wüste um den Schafpelz, wie schon in der Odyssee zu lesen steht:
Jetzo kam graulich die Nacht des verdunkelten Mondes und rastlos
Regnete Zeus, laut sauste der West mit ergossenen Schauern!
Wie, Aviatiker, da staunst du! Kannst du die Odyssee auswendig? Nein, armer Kerl, hab' ich mir gedacht. Da geht es wunderbar weiter, wie sie im Felde frieren: die Griechen! Und wie Odysseus beinahe vor Frost zu sterben meint, bis er sich durch eine List 'nen Mantel verschafft. Ich habe schon in den verlassenen Heiligtümern des Äolos und des Apollon geschlafen. Ich, der erste Mensch seit dritthalbtausend Jahren, der die Götter erkennt und gläubigen Herzens zu ihnen betet! Draußen herum heulte Boreas seine Wut über die götterlosen Menschen, aber mir wehte er Blätter über Blätter in den Steinrund herein zum Schutze, und wenn sich die Oliven knarrend bogen, fröstelte meine Seele in der wonnigen Erkenntnis, wie nahe ich den alten Göttern sei. Oh, oh, die alten Götter, die alle noch da sind, die aber ein immer naturferneres, stupides Menschengeschlecht zu begreifen verlernt hat!
Und jetzt wollen wir ans Frühstück.«