Der nasse Heinrich brachte einen schwärzlichen Klumpen aus dem Feuer vor sich und zerschlug ihn. Es war Lehm, in den er Fleisch geknetet hatte, das mit Fett umwickelt war und nun in der hartgebrannten Kruste rosig und in all seinem Safte geblieben war.

»Scheckensimon, die Flasche!«

Und mit ernstem Gesichte weihte der nasse Heinrich die ersten Tropfen eines ganz ausgezeichneten Pflaumenbranntweins seinen Lieblingsgöttern, dem Phöbus, dem Pan und dem Äolos. Dann begann ein herrliches Frühstück, und dem Offizier war ganz wunderbar zumute, den närrischen, davongelaufenen Schulmeister hier in Feindesland so unbekümmert zu finden, als gäbe es keine Staaten und keinen Weltkrieg und keine wackligen Zivilisationsdogmen.

»Die Kultur ist nur mehr bei unsereins, und die Staaten erkenne ich seit dem Aufhören der Naturreligionen nicht an,« sagte der nasse Heinrich.

Angelegentlich rückte der Leutnant zu dem Philosophen, auf den er ja zwar lachend heruntersah, den er aber in einem Winkel seines Herzens dennoch anregend, ja aufregend fand, und fragte ihn heimlich: »Sag' mir, da du doch so sehr gebildet bist: Genügt dir denn der Umgang von die zwei Kerl'n, die doch unter dir stehn, und zwar recht weit?«

»Da irrst du aber gehörig!« rief der nasse Heinrich. »Abgesehen davon, daß mindestens der scheckige Simon ein großer Philosoph ist, steht kein Mensch tief da, der alle Tage so nahe mit Gott zu tun hat wie wir; denn der ist die Natur! Dazu haben wir eine oft sorgenvolle und oft so freudige Interessengemeinschaft, daß wir uns endlos zu unterhalten wissen und immer Gesprächsstoff haben, aber schon sehr gehaltvollen! Kannst du sowas von irgendeiner Frau Pastor oder einem Landesgerichtsrat auch behaupten? Wenn ja, dann muß er von seinen Gaunern erzählen, die sind das einzige, was ihm von wahrem Leben begegnet!«

Die Sonne fiel steigend auf das kleine Rund inmitten der tollwuchernden Jungkastaniendickung, und behaglich grunzend lag der Scheckensimon im warmen Gnadenlichte. Der Schlampenschneider hatte schweigend gegessen und dem Aviatiker gutmütig die besten Bissen zugeschoben, jetzt schlief er. Dem nassen Heinrich aber tat es wohl, seine Lehren in ein dürstendes Gemüt zu versenken. Er saß am Feuer, eine Schnitte Fleisch auf Brot gelegt in der mageren Hand, die dürftige Gestalt zusammengekauert wie ein hockender Neger, das spitze Gesicht aufmerksam und frisch, die Nase fröhlich in der Luft, die pfiffigen Äuglein hell aufblitzend. Er hatte einen genialen Schwung, sich das lange, blonde Haar, das ganz verwachsen und verwittert war, aus dem Gesicht zu streichen, und schüttelte es gleich wieder wuschelköpfig hinein, wenn er irgend was verneinte.

Tikosch sah den unscheinbaren und doch so zähen Gesellen belustigt an, und ihm war wohl, wie schon lange nicht. Eine liebe, geborgene Stimmung überkam ihn mit leichter Schläfrigkeit, und nur um was zu sagen, fragte er noch, wie sich denn die Gesellen zu den Nachrichten aus dem Norden stellten, und ob sie Sicheres über den Gang der Dinge da oben wüßten.

»Was gehen uns die da oben an?« sagte der nasse Heinrich. »Die haben uns außerhalb ihrer Gesetze gestellt, und wir haben sie dafür aus unsern Herzen geschoben. Denn sie haben eine andere Seele, die mit Kohle und Zement mehr zu tun hat, als gut und gottesmöglich ist. Alles haben sie auf stupide Zahl und Maße hinauflizitiert, und nun sitzen sie ja mitten drin in den Folgerungen ihres Massenwahnsinns. Jeder nimmt heutzutage an dem heillosen Morden teil, ob er inneren Soldatenberuf habe oder nicht, und so hocken sie und schießen und stürmen, ohne persönliches Emporwachsen. Ja, ja, diese zehntägigen Schlachten, in denen der einzelne nichts sein darf als eine kleine, kleine Ziffer!«

Der lange Simon gab ein Wort herüber. »Zehntägige Schlachten; das macht, in einer modernen Schlacht messen sich nicht die Überlegenheiten zweier Herrschernaturen, sondern die Angst zweier Feldherrn voreinander.«