Mit einer Art belustigtem Respekt sah nun Tikosch zu dem Schuster hinüber, während er über die drastische Kritik des Vagabunden lachen mußte. »Ich möchte nich' Feldherr sein,« sagte der scheckige Simon noch, gähnte und wollte gerade einschlafen, wie der vorbildliche Schlampenschneider, als der nasse Heinrich sagte: »Halt, Simon! Unser Gast wird jetzt noch, da er gegessen hat, nach antikem Gastrecht um seinen Namen und Stand gefragt, damit wir über sein ferneres Schicksal in unserem Kreise entscheiden können. Hör' zu, dann brauchen wir den Schlampenschneider nicht in unserm Rate; er wird majorisiert.«

Und Tikosch setzte sich zurecht, wischte sich den ansteckenden Schlaf wieder aus den Augen und erzählte offenherzig seine ganze Geschichte bis auf den Umstand, daß er Leutnant war; denn der hätte verstimmend wirken können. Sondern er sagte, daß er Feldwebel wäre.

»Tut nichts. Das sah ich aus deinem etwas hunnischen Habitus und deiner geringen klassischen Bildung,« tröstete ihn der nasse Heinrich freundlich. »Aber was nicht ist, kann noch werden. Es wird noch 'n ganz brauchbarer Tippelkunde aus dir werden.«

Tikosch schämte sich ein wenig. Auch seine Neigung zur schönen Rumänin verriet er nicht und sagte nur, daß sie ihn aus Mitleid gefüttert und dann hierher geschickt hatte.

»Dann müssen wir'n auch all behalten,« sagte der Scheckensimon und sah den nassen Heinrich an, der gedankenvoll nickte.

»Die Livia,« sagte er dann in einer Art Wehmut, »die kenne ich nun seit meiner zweiten Griechenlandsfahrt. Damals war sie noch ein reicher Backfisch und hat viel gelacht, wie ich ihr meine Gotteserkenntnisse vortrug. Aber dann haben ihre Brüder den ganzen Familienübermut durchgebracht, und wie sie arm wurde und ein eleganter Offizier sie verließ, weil sie nichts hatte, da war sie reif. Sie ist meine einzige Schülerin in dieser zum Irrtum verdammten Welt, und sie ist dankbar wie ein reines Tier. Also auch an dir, Aviatiker, ist sie zur Nausikaa geworden. Ja, ja, sie ist ein seltenes Geschöpf. Zum Beispiel, sie wird nie heiraten. Denn wer einmal von der geheimnisvollen Nilschlange des Jenseitsgedankens gebissen wurde, der kann nur einsam bleiben oder einen Halbgott freien. Und woher sollte ein solcher kommen? In diesem Lande. Und woher bei uns, im Lande der Hosen mit den Bügelfalten!«

Damit legte er sich nieder und schlief auch schon.

Der Scheckensimon aber weckte den Schlampenschneider und sagte:

»Schlampenmann, du bist heute du jour

Der Angeredete gähnte, streckte sich und kletterte dann wortlos auf die große Edelkastanie, in deren Krone Tikosch einen sehr bequemen Sitz erblickte, von dem es sich im Sonnenscheine dieses milden Tages ganz behaglich Wache halten lassen mochte.