Im Kreise der drei Seltsamen umherblickend und im Gefühle, wieder bei Menschen, ja bei seltsamen und nicht gewöhnlichen Erdenkindern zu sein, wuchs das Gefühl der Behaglichkeit auch in ihm so sehr, daß er sich vertrauensvoll ausstreckte und entschlief, als sänge ihm Mutter ein sicheres Schlummerlied. Es war aber nur die riesige Edelkastanie, die im Ostwinde, der das schöne Wetter gebracht hatte, eintönig rauschte und sauste. Und da wußte er auch schon nichts mehr von Gefahr, Weltkrieg und Massenwahnsinn. Die Natur hatte ihn in ihre Arme genommen.

Zu Hause bei ihrer sorgenvollen Mutter saß die schöne Livia.

»Du lädst dir nichts als Ungelegenheiten mit solchen Strolchen auf und schiebst dabei die geringe Aussicht beiseite, doch noch an den Mann zu kommen,« sagte die alte Dame, die mit ihrer Tochter nur Französisch sprach. »Hast du den österreichischen Leutnant gar nicht gefragt, ob er vermögend ist oder nicht?«

»Es würde nichts entscheiden, das weißt du ja,« erwiderte Livia ruhig.

»Nicht? Wenn wir unser Gut entschulden könnten? Wenn die Brüder wieder ein menschenwürdiges Dasein führen könnten?«

Livia sagte nichts mehr. Die Mutter kannte nur die Brüder und hätte das schöne Mädchen ruhig verkauft sehen können, wenn ihre geliebten Lumpe wieder an der Riviera ihren Sekt und ihre Dirnen gehabt hätten.

»Ein Glück,« grollte die Mutter, »daß deine Brüder nicht hier sind. In ihrem Haß gegen alles, was deutsch ist, gingen sie deinem Fliegerleutnant scharf zu Leibe.«

»Sie haben so wenig in sich selber und so wenig Eigenes, daß sogar ihr Haß ein französischer ist,« erwiderte Livia ruhig. »Sie waren nie in Deutschland und kennen das Leben dort so wenig wie all unsere Bojarensöhne. Aber den Haß, den haben sie.«

Und Livia ging fort, durch das Haus, durch den Wald, in die Einsamkeit hinaus, die ihr allein Mutter und Bruder war.

Sie dachte an Tikosch und prüfte sich wieder und wieder. Männer von jener Art, die lärmt, trinkt, reitet und ficht, hatte sie durch die Brüder und ihre Freunde genügend kennen gelernt. Sie wußte, daß diese Rasse, so sehr sie männlich genannt werden durfte, nie viel Größe und Güte in sich barg. Tikosch würde sie auch nur so lange achten, als er sie nicht besaß. Unterlag sie ihm, so ritt, trank, raufte und flog er wieder, und alles war wie zuvor, nur sie selber war Dienerin eines Herrn, dem sie im geheimen unbequem war wegen ihrer hellen, scharfen Augen, die alles Niedrige und Tierische durchschauten. Wenn Tikosch zu denen dreien im Kastaniendickicht kam, dann entschied es sich übrigens, wohin er gehörte. Siegten die drolligen Lehren des nassen Heinrich und brachen die wilde Gleichgültigkeit dieser Reiternatur, dann war Seele in ihm. Schlug er die Philosophie selbst dann in den Wind, wenn sie in Not und Waldeinsamkeit zu ihm kam, dann war er ein Verlorener für sie und ihr Haus, mochte er für seinen Staat noch so sehr das Prachtexemplar bedeuten.