Schwach war sie nicht, und Sinnlichkeit reichte nicht an ihre einsamen Stunden heran. Aber sie hätte gern einen starken Mann und Kinder gehabt. Darum wünschte sie sehnlich, Tikosch möchte doch den Weg aus seinem Walddickicht zu den drei Walzenbrüdern finden. Daß es die Tage her so unerbittlich und seelenbedrängend geregnet hatte, dankte sie den Göttern des nassen Heinrich sehr, dem Pan, dem Aeolos und dem Sonnengotte. Nun ging sie gegen das Dickicht, um zu sehen, ob der Trotzkopf schon kirre geworden und heruntergekommen sei, aus seiner Luchshöhle oben in der sturmübertosten Planina. Aber sie stockte bald wieder gedankenvoll und kehrte zerstreut um.
Es war herbstlich geworden, so schön auch die sonnigen Spätsommertage ihr blitzendes Seidennetz über die Wälder spannen. Die silbernen Marienfäden segelten, und aus den großen Kastanienbäumen fielen die ersten reifen, süßmehligen Früchte. Es war gut sein und schön am Lagerfeuer; die Gesellen rösteten sich die Himmelsgabe als wohlige Zutat zu dem, was ihnen der neue Kamerad mit der Flinte im Walde geholt hatte, und als es Abend ward, rückten sie nah zusammen und erzählten Geschichten. Dabei kam allerdings an das Licht, warum der philosophische Vagabund Heinrich »der nasse« hieß. Denn alle Abend trank er so viel, bis ein reichlicher Tränenstrom sein zärtliches Herz erleichterte. »Er hat alle Vesperzeit das heulende Elend,« sagte der Norddeutsche, der Scheckige, der dem Offizier immer sympathischer zu werden begann. Denn dem war es ernst mit seiner Sehnsucht, zu seinem kämpfenden Volke einzurücken.
»Bei Prahovo an der Donau unter der großen Insel ist der Strom schmal; da weiß ich 'n Kahn, der nur für uns Kunden versteckt ist und uns allen von der fahrenden Gilde gehört. Er ist so gut versteckt, daß sie 'n noch nie gefunden haben. Denn die Serben bewachen alles, was nach Rumänien rübergehen will. Uns aber wer'n sie nicht erwischen. Wenn wir eine Nacht lang rüstig wandern, so sind wir am Fluß; aber 'rüberfahren könn' wir erst in der andern Nacht, denn es dauert eine halbe Stunde, bis man drüberkommt, so groß ist das Wasser selbst dort noch. Und wenn wir noch so gut marschieren, es sind doch gute fünfzig Kilometer, und es wird grau werden, bis wir hinkommen. Da heißt sich's verstecken, den Tag über, wie wir hier allemal zu leben gewohnt waren. Um Mitternacht fahren wir dann ins Rumänische hinüber und schlagen uns von dort am hellen Tage nach Ungarn durch. Herrgott, in welcher Sprache soll'n wir denn dann fechten?«
Der nasse Heinrich hatte sich erst in seiner ganzen Andacht den Hasenbraten schmecken lassen und dann die süßen Maronen. Aber er trank, obwohl er den Göttern spendete, gar nicht antik. Denn Wasser mischte er in seine Pulle durchaus nicht, sondern benahm sich ihr gegenüber so großzügig, daß sie bald leer war und er voll.
»Simon, was willst du dort oben tun?« bat er. »Simon, sie werden dich zum Krüppel schießen! Komm mit mir 'runter nach Hellas! Wenn's dort oben eine Zeit gäbe wie sonst, ja, wie sonst! Och, mein Deutschland, um die Zeit, da man in den Zimmern den Ofen zum ersten Male bullern hört, da bist du so schön, daß ich oft schon bürgerliche Triebe mächtig in mir erwachen fühlte und an gebratenen Äpfeln beinahe grundsatzlos geworden wäre. Ach, ich hätt' ja schon so oft heiraten können!«
Und er trank wieder und sank in tiefes Sinnen.
»Aber jetzt denkt jeder nur an Schießen und Stechen, und wer daheime sitzt, liest die verflixten Zeitungen und studiert Karten.«
Er sank wieder eine Zeit in Schweigen. Dann brach die erste Rührung hervor, als er weinerlich ergänzte:
»Oder Verlustlisten.«
Die andern drei waren ernst und still, das Feuer brannte klein und vorsichtig. Die Nacht war schneidend kalt, und jeder drehte sich, um gelegentlich auch seine Hinterseite zu wärmen. In dieser Beschäftigung hörten sie alle nur mit halbem Ohr auf die sattsam bekannten abendlichen Klagen des nassen Heinrich. Nur dem Leutnant war das neu, und er hörte dem sonderbaren Patron zu, der so wetterhart und lebensstark und dennoch in allem, was sonst den ganzen Mann erfordert, so weichlich war. Mit ein paar kurzen Worten sagte er ihm das auch: