»Mich wundert, woher du die Kraft nimmst, dies Leben zu ertragen, immer in Lebensgefahr, immer frierend oder hungernd, immer in denselben Lumpen; bald schauernd vor Regennässe, bald verschmachtend, und doch bist du an dieser einen Stelle heikler als ein Hund am Bauch: dort, wo es heißt: Pflicht!«
»Ich bin allein geboren und habe allein zu sterben,« sagte der nasse Heinrich mit wiedererwachender Klarheit. »So geht es niemanden was an, wenn ich mein Leben auch abgesondert von den allgemeinen Bemerkungen eurer Weisheit führe. Du bist wohl noch nie in einer Großstadt im Kaffeehause gesessen, mein lieber Aviatiker, wo solche Genies ihre Ecken haben, die immer noch auf den Ruhm warten. Sonst wüßtest du, daß es kein nutzloseres Ding für den Staat gibt als eine große Intelligenz ohne Güte. Leute wie du sind das Richtige für das allgemeine Wohl; sie fühlen sich als Kanonenfutter geheiligt. Aber sobald ein Gehirn die ganze zwecklose Grausamkeit des Geborenwordenseins zu erkennen fähig ist, so ist es für die Allgemeinheit verloren und sucht nur mehr sich selber zu retten, wie ein Kopfloser auf einem sinkenden Schiff. Drum hat der Staat die Einrichtung getroffen, daß die Schiffsoffiziere mit Revolvern auf diejenigen schießen, die allzu deutlich auf ihre eigene Haut bedacht sind, und das ist ganz recht und billig. Ich für mein sterblich Teil würde auch auf einem sinkenden Schiffe an die Frauen und Kinder denken. Das kann ich dir versichern. Aber ich habe nicht Lust genug, ohne Not mit den andern ihr trauriges Spiel zu machen. Daß wir alle mit'nander ein Wesen sind, das ist die Erkenntnis des Herzens. Daß wir einsam sind, ist die Erkenntnis des Kopfes. Wenn du gut beraten sein willst, so wisse, daß das Hirn der irrende Teil ist, und daß näher an der göttlichen Erkenntnis der ist, der sich für andere totschießen läßt. Er weiß mehr als der gescheiteste Professor an der berühmtesten Universität! Ogottogott! Aber ich! Ich bin ja so unglücklich, daß ich so intelligent bin! Ich schäme mich ja so durchdringend, daß ich es aus Gründen der Hochschätzung meiner Person vermeide, mich für alle zu opfern, was der Weisheit und Güte letzter Schluß wäre. Das ist mir versagt, oh, das ist mir versagt!« Und der nasse Heinrich begann zu heulen und zu jaffen wie ein Hund, der bei Nachtfrost ausgesperrt wurde.
Mit seltsamen Gefühlen sah Tikosch auf dieses Musterbeispiel eines gänzlich Freien, der sich selber anklagte. Er überlegte, ob er in seiner simplen Freude, das Gefährliche zu wagen, nicht eine bessere Antwort dem höhnischen Gotte gab, der das Leben als Fraß des Todes schuf, als dieser Genießer, der dem Leben unwürdig bettelnd nachkroch und nur sich selber kannte.
Und in das erbärmliche Weinen des haltlosen Trunkenen, dem der Tiroler gleichmütig, der Hannoveraner mitleidig schmunzelnd horchte, klang seine entschlossene Soldatenstimme:
»Komm, scheckiger Simon, mit dir hab' ich ein gutes deutsches Wort zu reden.«
Beide verschwanden im Busch, und Tikosch schlug mit dem Gefährten den Weg nach dem Timok ein. Er gab dem Deutschen seine geladene Schrotflinte, zog seine Repetierpistole hervor, und vorsichtig, als ahne er, daß irgendein Soldatenstück im Werke sei, folgte der Scheckensimon dem neuen Kameraden.
Als sie weit genug waren und das Weinen des Betrunkenen nicht mehr hören konnten, erzählte Tikosch dem Hannoveraner seine ganze Geschichte mit völliger Offenheit und sagte, als der gute dicke Kerl beim Erwähnen der Tatsache, daß Tikosch Leutnant wäre, mit einem kurzen Ausruf der Freude stramm stehen blieb:
»Simon, auf dich zähle ich. Wir wollen hier mitten in Feindesland für unser verbündetes Vaterland kämpfen. Da unten ist die große Lebensader des Serbenreiches nach Osten; die Brücke, die zwei Eisenbahnen an die rumänische Grenze bringt! Hier holen sich die Serben alles, was sie brauchen. Das Negotiner Land ist reich, aus Rumänien bekommen sie russische Hilfe dazu. Wenn wir diese eine Brücke sprengen, so treffen wir die Kerle in den Magen.«
»Haben denn der Herr Leutnant die Mittel, die Brücke zu sprengen?« fragte der scheckige Simon.
»Simon, wir sind in der gemeinsamen Not Kameraden geworden, und für euch bin und bleibe ich der arme Kunde, als der ich unter euch vertrauliche Aufnahme gefunden habe. Wir sind per Du. Jetzt wollen wir rekognoszieren.«